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Der Sturm im Marmeladenglas

Sie bezeichnen sich selbst als das "Ergebnis einer magischen Kette von Zufällen" und gelten, gemeinsam mit Nirwana und Soundgarden, als Urheber des inzwischen schon wieder etwas abgeflauten Seattle-Booms. Pearl Jam sind dabei jedoch längst nicht mehr der angestaubte Insidertip früherer Tage, sondern millionenschwere Topseller. Ihre Single "Alive" mutierte zur Hymne der 90er Jahre, das Debütalbum "Ten" erzielte traumhafte Einspielergebnisse. Aus den "Jungs von nebenan" sind nunmehr hermetisch abgeschirmte Megastars geworden, und auch die Presse wird nicht mehr - wie gewohnt - hofiert. So gab es in diesem Sommer lediglich für deutsche Journalisten; wir zählten leider nicht zu den Auserwählten, die in den raren Genuß einer intimen Privataudienz im heimischen Seattle kamen. Inzwischen sind sämtliche Tränen der Enttäuschung wieder getrocknet, und das Erscheinen des neuen, namenlosen PJ-Opus, sowie die demnächst anstehende Deutschlandtour bieten immer noch genug Grund, eine vorläufige Bilanz der atemberaubenden Karriere dieser Band zu ziehen...

Pearl Jam - das ist vor allem der Werdegang von Jeff Ament und Stone Gossard. Seit Mitte der 80er sind die beiden Langmähnen ständige Partner in diversen Gruppen. Angefangen hat alles mit einem Quintett namens Green River. Man spielte damals eine rauhe Mischung aus Countryfolk und Trashpunk. Sänger der Band war übrigens Mark Arm, der heutzutage als Frontmann von Mudhoney die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Es kam zu je einer EP- und LP-Veröffentlichung, beides - wie sollte es anders sein - auf dem mittlerweile schon legendären ?Sub Pop'-Label. 1988 löste man sich schließlich wieder auf. Jeff und Stone blieben nicht lange beschäftigungslos und gründeten eine neue Gruppe: Mother Love Bone! Das Quintett ergatterte einen Majordeal und erlangte mit einem einzigen Album Kultstatus. Dies resultierte jedoch vor allem aus dem jähen Tod des charismatischen Frontmannes Andrew Wood, der wenige Wochen vor Veröffentlichung des Debüts "Apple" an einer Überdosis Heroin starb. Den übriggebliebenen Mitgliedern von MLB wurde schnell klar, daß es eine weitere Existenz ohne den schmerzlich vermißten Sänger nicht geben konnte. Das eingespielte Duo Ament/Gossard verbrachte eine kurze Zeit der berühmten Selbstfindung, bevor man sich endlich neue musikalische Ziele steckte. "Nachdem Mother Love Bone auseinanderbrach, waren Jeff und ich immer noch in Seattle und warteten einfach ab, was weiterhin passieren würde. Schließlich suchten wir gezielt nach neuen Musikern", erläutert Stone die Vorgehensweise des Songwriterteams. Die beiden Freunde nahmen ein paar Instrumental-Tracks auf und hörten sich in der Szene um.
Im fernen Kalifornien, genauer gesagt in San Diego, fiel eines dieser Tapes zufällig einem leichtlebigen Roadie in die Hände. Dieser seltsame Mensch war niemand geringeres als Eddie Vedder. Bei seiner erklärten Lieblingsbeschäftigung, dem Surfen, hatte er plötzlich ein paar Einfälle für neue Songs, die er zu Hause komplettierte und an die Adresse der Seattlefreaks entsandte. Diese erkannten natürlich sofort, daß sie in Eddie den kongenialen Partner für ihre Vorhaben gefunden hatten. Als nächster wurde der zweite Gittarrero Mike Mc Cready verpflichtet, und nach einigen Fehltritten (vorher versuchte sich u.a. der ex-Red Hot Chili Peppers-Schlagzeuger Jack Irds an den Trommeln) fand man mit Dave Abruzzese endlich auch einen geeigneten Drummer.
Zwischendurch galt es für Jeff und Stone allerdings noch, einen musikalischen Schlußstrich unter die eigene Vergangenheit zu ziehen. Chris Cornell, seines Zeichens Frontmann von Soundgarden und ehedem Lebensgefährte von Andrew Wood, hatte die glorreiche Idee, dem toten MLB-Sänger ein spezielles, vertontes Denkmal zu setzen. Zusammen mit Matt Cameron und Mike Mc Cready ging das Trio ins Studio und nahm Ende 1990, genauer mit Hilfe von Co-Produzent Rick Parashar (der später auch die Arbeiten an "Ten" überwachte) ein Album namens "Temple Of The Dog" auf. Dieses Werk zeichnete sich hauptsächlich durch die filigrane Spontaneität und Intensität aus; Attribute, die heute auch noch bei Pearl Jam ziemlich offensichtlich sind. Allen Beteiligten war klar, daß Temple Of The Dog ein einmaliges Intermezzo bleiben würde. Folglich widmeten sich Jeff Ament, Stone Gossard und die anderen - nach Beendigung dieses Projekts - intensiv der Kreation des weitgehenst neuartigen Sounds. Dazu erklärt Stone Gossard heute: "Die Leute haben schon seit langer Zeit darauf gewartet, daß sich in der Rockmusik wieder etwas gravierendes verändert. Alle haben danach gesucht, auch wir, als wir im Proberaum standen. Das Tolle an unserer Band ist nur, daß jeder von uns bereits alle möglichen Erfahrungen gesammelt und trotzdem immer wieder daran interessiert ist, musikalisches Neuland zu entdecken. Wir versuchen, Grenzen immer mehr auszuweiten. Sicherlich wird dies die Leute teilweise verwirren, aber es geht doch darum, Barrieren zu überwinden. Nur auf Nummer sicher zu gehen, kommt für uns auf keinen Fall in Frage!" Ein ganzes Jahr ließ man sich für die Kreation der unverwechselbaren Klänge Zeit - wahrlich eine Investition, die sich später wieder auszahlen sollte. Musikalisch bewegte man sich augenscheinlich voll in der Tradition von Hendrix und Led Zeppelin. Dazu lieferte Eddie Vedder aussagekräftige Texte, die sich mit spirituellen Dingen befaßten und teilweise schon philosophische Züge annahmen. Mitte des Jahres 1991 wurde der Erstling dann endlich veröffentlicht. Auftritte im Vorprogramm der allgegenwärtigen Chili Peppers ließen die Öffentlichkeit erstmals aufhorchen. Dann trat ein Ereignis auf den Plan, welches sich als bislang größtes Glück der jungen Formation herausstellen sollte. Nirwana und ihr "Teen Spirit" wurden von der Bevölkerung entdeckt, und fortan interessierte sich jedermann intensiv für die Vorgänge in der Seattle-Musikszene. Alle Produkte wurden schlagfertig mit dem alles-und-nichts-sagenden Etikett Grunge versehen, jede drittklassige Garagenband auf ein krönendes Podest gehievt. Jeff Ament sah diese Entwicklung von Anfang an sehr kritisch: "Momentan sind alle Musiker lediglich Bestandteil verschiedener Bands; den typischen Seattle-Sound, vergleichbar beispielsweise mit dem Liverpool der 60er Jahre, gibt es doch überhaupt nicht. Trotzdem liest man in Europa nur: ?Die machen typische Seattle-Musik', was absoluter Schwachsinn ist. Die bei uns ansässigen Bands müssen sich weiter entwickeln, wenn die Stadt wirklich mal eine Musikmetropole wie beispielsweise L.A. werden soll. Uns interessiert in erster Linie, kreativ zu sein und die Band zusammen zu halten." Noch ehe das Quintett realisierte, was überhaupt abging, war man bereits ganz oben in den Ami-Charts zu finden. Und auf dem CD-Cover verkündete fortan ein riesiger Sticker: "The Sound of Seattle"!
Das früh gefasste Vorhaben von Ament und Gossard, sich vom kurzlebigen Underground ihrer Heimatstadt abzuheben, scheiterte zunächst kläglich. Entschädigt wurde man mit dicken Tantiemenschecks, doch der Identitätsverlust machte den fünf Musikern merklich zu schaffen. Sie büßten schließlich viel von der Volkstümlichkeit und Lockerheit, die sie doch eigentlich auszeichneten, ein. Zudem forderte das ausgiebige, bekanntermaßen stressige Touring seinen ureigenen Tribut, so daß die Band bald ziemlich verbraucht und ausgebrannt wirkte. Die größten Schwierigkeiten mit der veränderten Sachlage schien ausgerechnet Eddie Vedder zu haben, der nun immer häufiger stoned in der Öffentlichkeit auftauchte. Das Management handelte schnell und sagte kurzerhand einige Termine der Europatour fristlos ab. Zum Glück konnte das hiesige Publikum bei den letztjährigen GoBang-Festivals in Bremen und Berlin wenigstens zwei Deutschland-Auftritte der umjubelten Shootingstars erleben.
Ähnlich wie bei Nirvana, hatten auch Pearl Jam ganz offensichtlich Probleme mit der enorm gestiegenen Erwartungshaltung. Schließlich verlangte jeder ein erneutes Topping der astronomischen Verkaufszahlen (lediglich in Deutschland hielt sich der Absatz mit geschätzten 150.000 Exemplaren merklich in Grenzen). Folglich unternahm die Band den einzig logischen Schritt und zog sich kurzerhand vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Ziel dieser darstischen Maßnahme war es, das alte Feeling zurück zu gewinnen und sich auf jene Tugenden zu besinnen, welche den steilen Aufstieg erst möglich werden ließen. Lediglich Stone schien sich unausgelastet zu fühlen, denn er nahm sich mitunter gar Zeit für einen Seitensprung mit dem Projekt Brad. Mit einigen Mühen entstand schließlich doch das lang erwartete, zweite Album der Marmeladen-Boys. Zunächst wurde in den 'Potato Head Studios' im heimischen Seattle gearbeitet, der zweite Teil konnte dann in Nicasio, Kalifornien zusammen gestellt werden. Zunächst "Five Against One" betitelt, lebt dieses Werk besonders von den emotionalen Ausbrüchen und der Intensität des Frontmannes Eddie, und klingt dennoch wesentlich rauher und ungeschliffener als der Vogänger "Ten". Dies dürfte schon allein in der Person ihres Produzenten Brendan O'Brien begründet liegen, der zuvor Bands wie die Black Crowes, Stone Temple Pilots oder auch die Red Hot Chili Peppers betreute. Immerhin wählte dieser eine recht unkonventionelle Art der Produktion; jeder einzelne Song wurde direkt nach der Aufnahme sofort überarbeitet, damit die vorherrschende Stimmung erhalten blieb. So konnte die besondere Atmosphäre, welche Pearl Jam primär auf der Bühne ausstrahlen, hervorragend konserviert werden. Von den neuesten Ergüssen des Top-Quintetts können sich die zahlreichen Fans frühestens ab Mitte Oktober ein Bild machen. Zuvor gibt es mit der ersten Single-Auskopplung "Go" einen saftigen und knallharten Vorgeschmack auf kommende Attraktionen. Im vergangenen Sommer konnten sich reiselustige Jamfreunde (u.a. in Rotterdam und London) ja bereits hautnah von den Livequalitäten der neuen Songs überzeugen. Nun soll im kommenden Sommer endlich wieder eine neue ausführliche Tournee durch deutsche Lande statttfinden. Also, nichts wie hin!

erschienen in Visions #21
Thomas Vigano
Aug./Sept. 93 (?)
thx an Tremor Christ!