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Einfach nur Musik machen

Jeremy (Regie; Mark Pellington) heimste gleich vier MTV- Oskars ein. `Beste Regie`, `bestes Video Hardrock/Metal`, `bestes Band- Video` und schließlich, als Krönung, `Video des Jahres`. Da dürfen MTV- Kameras auch schon mal in die Garderobe.
Wenn alles mit dieser Band nur so einfach ginge, wie das Abräumen von Auszeichnungen. Bis vor kurzen sollte die neue Scheibe noch FIVE AGAINST ONE heißen. Dann hieß es, das Ding würde einfach als selbstbetiteltes Album erscheinen; und zum guten Schluß heißt es nun "Vs.". Der Release verzögerte sich beinahe täglich, bis zum 21.10.1993, um genau zu sein. Pearl Jam sind nicht nur die heißeste, sondern auch die schwierigste Band der Gegenwart. Aber so ist das wohl mal mit Würdenträgern.
Rückblende. Seattle im Sommer. Zwanzig Stunden unterwegs, nur fünf Stunden Schlaf im Sack. Dem Umstand zum Trotz, daß mein Körper eher entsorgungsreichem Schrott ähnelt, bietet dieser Morgen etwas doch recht Erfreuliches. Die Management Agentur Curtis hat geladen. Und ich bin Gast - in einer der Schaltzentralen der Seattle- Macht, wenn man so will. Glasvitrine mit einschüchternden Wegzeichen des Erfolges: Miniatur Statuen, Pokale edelmetallen schimmernden CDs. Darüber beäugt mich eine zerstückelte Gitarre. Sauber in Glas eingefaßt. "Mike McCready - Hollywood Palladium, Los Angeles" - sagt das Emaille- Schild. Nicht weniger beeindruckend: Eine Stereo- Anlage, die gerade die neue Pearl Jam- Platte von sich gibt. In aller hemmungslosen Entfaltung prasselt`s nieder auf meine bleischweren Knochen. Songs, die die Lebensgeister zwar nicht umgehend zum Rotieren bringen, aber allmählich die Erstarrung meiner Gelenke lösen. Zweiter Durchgang. Langsam, aber sicher schälen sich erste Konturen heraus, zum einen Material mit gewissen Single- Charisma (`Daughter', vor allem aber `Rearviewmirror', `Leash`), zum anderen Stücke von konfuser Erbarmungslosigkeit ( `Don't Go On Me `, wahrscheinlich erste Single, inzwischen auf `Go` verkürzt; `Animal` und insbesondere `Blood`, eine Art Led Zeppelin- Vergewaltigung). Zum Schluß noch das glänzende Epos `Indifference`. Die Doors (The End) lassen grüßen, jedoch unauffällig. Das Zimmer hat sich derweil mit ein paar bäuchlings baumelnden Fotoapparaten gefüllt. Irre Besitzer müssen verirrte Touristen sein, unverkennbar fernöstlichen Ursprungs. Später erfahre ich, daß es sich um Kollegen handelt. Nippon- Presse. Aus ihren skeptischen Minenspiel spricht blanke Kostverachtung, durch die Bank Schöwe- kompatibel. Zu sehr steht den Japanern, sonst so fortschrittsgläubig, ihre Vorliebe für Headhunter, Heavens Gate und Helloween in Riesenlettern auf der Stirn geschrieben. Ist hier einfach nicht drin, sowas.

Zwei Stunden später, Interview. Eines der wenigen, die Pearl Jam überhaupt geben für ihre neue Platte. Die Gitarristen Mike McCready und Stone Gossard sowie Dave Abruzzesse haben sich um mich postiert. Wie sich herausstellen wird, ist es eigentlich ein Interview mit Gossard, einer der Hauptsongwriter und sowieso der Mediengeprüfteste in der Runde. Eingangsfrage an McCready, ob er auf der Bühne desöfteren der `darstellenden Künste` bemüßige. Gelächter. "Eigentlich nicht.... Ich versuche normalerweise, das zu vermeiden. Aber ich war an diesem Abend im Palladium nicht so gut drauf, dann passiert so etwas schon mal..." Weniger einfach zu entladen: der Mißmut der Medien. Pearl Jam wollen nämlich, im Gegensatz zu Debützeiten, keine Promotion- Götter werden. Kaum Interviews, kein Advance-Tapes. Eddie Vedder verweigert sich. Nein, kein Bandphoto. Nein, nur ein Gespräch für die deutsche Presse. Nein, auf Tour überhaupt kein Interviews Ein Narziß, eine neue "Greta Garbo des Rocks" ? So protokollierte einst Melody Maker über Neil Young, ein erklärter Pearl Jam und Soundgarden- Verehrer, übrigens. Amerika- hier verkaufte sich das Debüt TEN mehr als fünf Millionen mal - ist nicht besser dran. Die dortige Presse muß sich mit zehn (!) Band- Audienzen zufrieden geben. Weltweit dürfte die doppelte Anzahl hinzukommen, allerhöchstens. Der Null- Bock auf Begegnungen mit der Vierten Gewalt, der Presse, besitzt seine eigenen Vorteile: Weniger Zeitaufwand, weniger oft die immer gleichen Fragen. Keine Mühe mehr damit, so häufig die eigene Bühnenpersönlichkeit projezieren zu müssen auf die völlig andere Situation im Interview. Ihr Vermögen an Selbstdarstellung sparen sich Pearl Jam auf: für ihre Shows, ihre Musik und ihre Fans- nicht jedoch für die Presse. Wichtigtuer- Sprüche sind da nunmal beim besten Willen nicht zu erwarten. Man hat gelernt. Die Band wird um so `wichtiger`, je weniger sie von sich gibt. So streute ein hoher Epic- Mitarbeiter auf dem New Yorker New Music Seminar ein:" Pearl Jam haben für ihr Debüt- Album haufenweise Promo- Arbeit geleistet. Sie mußten sich seinerzeit teilweise mit Journalisten herumschlagen, die noch nicht einmal das Album gehört hatten. Davon haben sie jetzt einfach die Nase voll". Verständlich. Es kommt aber möglicherweise noch so einiges hinzu.
Zum einen sorgt dieses Medien- Cocooning für Spekulationen und Mystifizierung, zum anderen sind für Pearl Jam das bandinterne Wir- Gefühl (siehe auch Bandphoto auf dem TEN- Innersleeve!) und die daraus entstehende Musik wichtiger als alle Gepflogenheiten und alles Gequacke. FIVE AGAINST ONE, dachte ich. Wer ist ONE? Die Plattenfirma? Der Rest der Welt? Wohl beides. Stone Gossard kommentiert den Business - technisch betrachtet - reichlich unüblichen Vorgang, in Europa noch vor Release des neuen Album zu touren, wie folgt: "Für uns ist es eine Herausforderung, daß wir uns an untypische Entscheidungen messen lassen wollen, wo und wann wir auf Tour gehen, zum Beispiel. Wir haben kein Bock darauf, daß uns die Plattenfirma manipuliert oder unter Druck setzt. Wir wollen die Zügel in der Hand halten, sonst könnten wir nicht wir selbst sein". Eddie Vedder dankt dem Publikum (MH 8/93) für dessen zahlreichen Kommen, obwohl es "nicht mehr cool" sei, "diese Band zu mögen". Ein klassisches Understatement, Merkmal für Verfolgungswahn - möglicherweise.
Als Indiz für Identität dienen Pearl Jam ausschließlich der Musik und ihre Texte. Sinnlos der Versuch, Näheres über die Lyrics zu erfahren. Geheime Verschlußsache. So ähnlich hatte sich Gossard bereits geäußert, als ich ihn vor knapp zwei Jahren interviewte. Aber vielleicht hat er ja auch recht mit dem für solche Fälle überlieferten Spruch, daß sich hinsichtlich der Lyrics doch jeder gefälligst seinen eigenen Senf zurechtbiegen möchte.

Gossards Außenwelt - wie eigentlich für jeden Normalmenschen auch nehme ich mal an - teilt sich in Wichtiges, Unwichtiges und die Grauzone dazwischen. Der Rest ist Schweigen - oder Definitionsfrage. Daß die Band zu Beginn des Jahres die Verleihung des Amarican Music Awards gleich in zwei Sparten ( `Pop/ Rock` sowie `Heavy Metal/ Hardrock `) für sich entschied, läßt ihn völlig kalt ("Tja, eigentlich soweit ganz cool, aber sonst?). Wenig schert gleichermaßen, daß ebenso abräumende Newcomer wie die Stone Temple Pilots jene Pearl Jam- Rezeptur für sich genutzt haben könnten. "Ihnen das vorwerfen? Nein, niemals. Obwohl; lustige Frage..." Vorsichtig wie ein Imker mit seiner Bienenkultur ist der Gitarrist auch bei der Beurteilung einer politisch tiefer gehenden Rolle, die dem Rock`n`Roll in der Gesellschaft neuerdings wieder eingeräumt wird. Man denke an die `Rock The Vote`- Aktion im Vorfeld der letztjährigen US- Präsidentenwahl. Rock`n`Roll als Zeitzünder einer Revolution, für Gossard ist sowas Image- nicht Ehrensache. "Klar liegt in unserer Welt vieles im Argen. Aber ich glaube nicht , daß es gut ist, darüber zu viele Worte zu verlieren. Du kannst schnell irgendwie in so ein Image gepreßt werden. Mit ein paar politischen Statements - von wegen Welt verändern und so - kannst du dich zum Wortführer von irgendwas machen, was sich irgendwie `Revolution` nennt. Aber was für eine Revolution eigentlich?" Vielleicht jene in den Bäuchen und Herzen der Fans. Genau die haben Pearl Jam nämlich bei Millionen von Kids in der Welt ausgelöst. Die Band hat unterstrichen, daß man mit einer Rockband zwar Krach, aber auch unbeschreiblich gute Songs hinbekommt, echte Songs, die an die Nieren gehen (können). Gossard ist von dieser Idee beseelt, aber eben nicht besessen. Keine Frage, eine stressige Reise war's, auf der man u.a. Europa, sowie den kräftezehrenden Lollapaloosa- Trip hinter sich ließ. Gossard ging jedoch schon bald wieder ins Studio, um mit dem befreundeten Sänger Shawn Smith das Brad- Album aufzunehmen. Innerhalb von nur siebzehn Tagen entstand für gerade mal 10.000 Dollar ein - wie an sich zu erwarten melancholisches - R&B/Soul- Album, zeitlos und elegant. Produziert hatte Brandon Ò Brain (u.a. Black Crowes, Red Hot Chili Peppers), der später auch die neuen Pearl Jam- Songs vertonte. "Es war schon vor Brad eine ausgemachte Sache", erklärt Gossard, "daß Brandon unser zweites Album produzieren würde. Bei Brad wollte ich ursprünglich gemeinsam mit ein paar Freunden einfach nur Musik machen." Bingo. "It`s only Rock`n`Roll..."- ganz genau. Punkt. Weiter im Text: "Dann ergab sich mit Brad die Gelegenheit zu einer Platte, bei der wir möglichst wenig Zeit mit den Aufnahmen verbringen wollten, als weiterer Anreiz, sozusagen." Doch den Kick im Band- Abseits besorgen sich auch die anderen Pearl Jam Mitglieder. Verbringt Eddie Vedder seine Freizeit nicht gerade mit Surfen, besucht er befreundete Bands im Studio und steuert Backing Vocals bei, wie Weiland bei Bad Religion. Basser Jeff Ament widmet sich seiner Familie sowie der kunstbeflissenen Malerei. McCready unterstützt einen befreundeten Musiker aus Portland mit liquiden Mitteln für Demo- Aufnahmen.

Darüber hinaus haben sich Pearl Jam an diversen Projekten beteiligt. Von Kompositionen für den Soundtrack der Seattle- Posse `Single` abgesehen nahmen sie, u.a. neben Soul Asylum, Cover- Versionen für eine Benefizplatte (SWETT RELIEF) auf, die der Multiple Sclerose erkrankten Country Sängerin Victoria Williams gewidmet ist. Für den Soundtrack JUDGEMENT NIGHT schrieben sie gemeinsam mit den US- Chartbreak- Rappern Cypress Hill den Song `Real Thing`. Angeblich sollen Pearl Jam neben Sonic Youth, R.E.M. und Soul Asylum, auch an dem Soundtrack des Films `Backbeat` partizipieren, einer Geschichte über Früh- Beatle Stu Sutcliffe. Verworfen wurde allerdings der Gedanke, sich auf dem geplanten Kiss- Tribute- Sampler (MH 9/93) zu verewigen. Das sei dann doch des Guten etwas zuviel, hieß es kürzlich aus dem Umfeld der Band.
Vermutlich sind Pearl Jam so etwas wie ein Miniaturmodell das auf dem momentanen Zustand der sogenannten Seattle- Szene übertragbar ist. Es geht wohl darum, die Abläufe der letzten Jahre zu verkraften. Die beschauliche Ruhe um Seattle ist komplett weggebrochen. The Day After. Gossard : "Also, ich bin mir sicher, daß jeder, der hier Musik macht, immer noch hofft und versucht, etwas mit seiner Band reißen zu können. Für die Leute hier steht die Musik absolut im Vordergrund - und nicht, darüber nachzudenken, wie man sich selbst am besten zum passenden Baustein in der Seattle- Szene macht. Die Bands in Seattle versuchen immer noch, gute Musik zu machen, und das, was die Medien draußen so zusammenstricken, hinter sich zu lassen. Ich halte die Seattle- Band für sehr fähig, ihr Selbstvertrauen in gute Songs umzusetzen und ihr Glauben an diese Songs vor einem Publikum `rüberzubringen. Seattle- Band werden weiter versuchen, dem Publikum zu zeigen, daß ihre Musik mehr als nur ein Trend oder ein aufgebauschtes Pressethema ist. Soundgarden und Nirvana haben einfach herausragende Platten gemacht; und auch wir sind stolz auf unsere Musik." Berechtigterweise. Wobei die Frage im allgemeine Erheiterung auslöst, ob man bei den Arbeiten zum Nachfolger eines Millionensellers nicht selbstkritischer und anspruchsvoller geworden ist. Gossard: "Ich würde mal sagen; Wir haben uns bemüht anspruchsvoller zu sein... Nein, für mich war es wirklich viel, viel einfacher. Als wir das erste Album machten, waren wir ja noch gar nicht lange zusammen. Und letztes Jahr sind wir eben dauernd auf Tour gewesen. Dave hat sich in die Band eingelebt, und es war einfach angenehm und sehr easy, miteinander klarzukommen. Gleichzeitig war es aber auch herausfordernd, weil wir alle irgendwie dauernd zusammen waren. " Trotz aller Anstrengungen fühlt sich die Band laut Gossard nicht in Eile oder gar den geschäftspolitischen Sachzwang erlegen, möglichst bald das nächste Album zu veröffentlichen. "Wir haben einfach Spaß daran, on the road zu sein und natürlich, neue Musik zu schreiben und diese dann herauszubringen. Es sieht mittlerweile eher so aus, daß wir entscheiden, was wir wann veröffentlichen." Demnach hätte man Epic auch sagen können; `Wir machen jetzt erst mal ein halbes Jahr Pause. `"Ja, sicher", bestätigt Gossard trocken. "Und wir werden das wohl auch irgendwann mal machen, wenn uns danach ist, wenn wir meinen, daß eine längere Pause genau das Richtige ist."

Davon kann vorerst nicht die Rede sein. Nach den Shows in Europa folgte die Band ihre Ikone Neil Young in dessen Heimat Kanada, um dort ein paar Shows zu spielen. In Toronto kamen noch Soundgarden hinzu, was MTV zu dem Hirnriß hinriß, Young zum `Godfather Of Grunge` zu adeln. Dieser wies das allerdings weit von sich. Dann folgte Pearl Jam eine sechswöchige, zweiteilige Tour durch die Staaten. Nach weiteren sechs Wochen Pause sind wahrscheinlich Japan und Australien an der Reihe, deren Pearl Jam- Fans bisher nur die Konserven der Band kennen. In Europa, respektive Deutschland, wird die Band wohl dann erst im nächsten Jahr zu sehen sein.
Die gnadenlose Hast des Tourgeschäftes haben Pearl Jam in aller Breite genossen, oder auch nicht. Sie scheint es jedoch zu sein, die alles andere Wichtige im Leben immer kleiner werden läßt. Mike McCready: "Ich denke, so wie jetzt wieder zu Hause zu sein, läßt einen darüber klarwerden, was wichtig ist. Erst dann weißt du genau, wer deine echten Freunde sind. Auf Tour verlierst du völlig den Kontakt zur Außenwelt, du mußt dich ausschließlich auf diese eine Sache fixieren. Aber anderseits wird das dann irgendwann zur Routine, die man sich selbst irgendwie zurechtbiegen muß, damit es im Grunde keine Routine wird."
"Genau!", stimmt Gossard ein. "Es ist eine Herausforderung, die Sache nicht zu Routine werden zu lassen. Es war wirklich so, daß wir begannen, uns nicht mehr wohl zu fühlen bei der Vorstellung, jeden Abend die gleichen Songs zu spielen. Wir haben nicht vor zu Maschinen zu mutieren. Letztes Jahr haben wir uns angestrengt, bei jeder Show das beste zu geben. Aber das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir mit der Zeit immer mehr ermüdeten. Jeder von uns hatte die Perspektive des großen Warums, "warum machen wir das?", aus den Augen verloren. Dieses Jahr gehen wir mit stärkeren Bewußtsein auf Tour. Das Ding ist, daß wir daraus gehen, spielen und das Publikum für eine großartige Band zu begeistern."

Davon versteht insbesondere Gossard etwas, der sich seine Songwriter- Sporen bei Mother Love Bone, Temple Of The Dog und natürlich Pearl Jam verdiente. Und nur ein einziges Mal wird Gossard richtiggehend `typisch`, rückblendend auf sein bisheriges Schaffen: "Von allen Platte, die ich bis jetzt gemacht habe, gefällt mir unser neues Album am besten! Und `Blood `ist momentan mein absoluter Lieblingssong! Sicher, Temple Of The Dog war eine besonders wichtige Platte, in seinem intonierten Gemeinsamkeitsgefühl absolut einmalig. Wobei ich sagen muß, daß Chris Cornell einen wesentlichen Anteil an diesem Album hat. Er ist wirklich ein Genie."
Temple Of The Dog - das war wohl die "Monster- Platte" schlechthin. Sieht man mal von Cornells sagenhaftem Singsang und Matt Camerons faszinierenden Drums ab, ionisierten sich Gossards und McCreadys Gitarren als Kathoden im Bad der Gefühle. Es dokumentierte sich die Synergie zweier stilprägender Gitarissten der Sechziger und Siebziger, die sich auch bei Pearl Jam wiederfinden lassen: Jimmy Page und Jimmy Hendrix. Auf den ersten Blick sicher eine überaus plakative Beschreibung, wenn nicht gar ein allzu gewagter Vergleich. Doch Gossard hat gegen diese These nichts weiter einzuwenden. "Da könntest du durchaus recht haben," nickt er zustimmend. "Ich persönlich halte Jimmy Page für einen der größten Songwriter überhaupt. Man könnte sagen, daß ich vielleicht so etwas ähnliches wie der Jimmy Page der Band bin, während Mike eigentlich dem Hendrix- mäßigen Solo- Spiel zugetan ist. Aber man kann uns deswegen nicht so leicht einordnen, weil es niemanden in der Band gibt, der beim Songwriting seine Einflüsse federführend geltend macht." Weniger kommt Gossard allerdings mit unverschämten Attacken der - vor allem englischen - Presse klar, Pearl Jam hätten tief in die Truhe von Humble Pie, Spooky Tooth und vor allem der alten Bad Company gegriffen. "Die Leute können wirklich einfach nur ihren Blick in der Vergangenheit schweifen lassen! Da sieht niemand mal in die Zukunft, also vorwärts. Man sollte nicht vergessen, daß gerade auch diese Band von früher ihre Einflüsse aus grauer Vorzeit übernommen hatten!" Eben.
Was soll`s, die Geschichte wiederholt sich, auch in der Musik. Fast, aber eben nicht stereotyp, muß man hinzufügen. Der ureigene Stil von Pearl Jam ist ein Beleg dafür. Und die Presse? Der dürfte dagegen nichts neues mehr eingefallen sein. "Einer der Eindrucksvollsten Sänger der Dekade, dessen Kunst sich "aus dem Akzentwechsel zwischen rauher Emotionalität und delikater Verinnerlichung" herleite, hielt Rolling Stone fest. Dies sowie die eingangs zitierten Dokumente könnten über Pearl Jam geschrieben worden sein.

Sie sind es nicht, sondern ungefähr 20 Jahre alt. Adressaten der damaligen Ovation waren Bad Company.

Verfasser Martin Groß
Zeitschrift: Metal Hammer 11/1993
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