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SANFTE REBELLEN

PEARL JAM-Interviews sind seit dem gigantischen Erfolg des neuen Albums "Vs." ungefähr so problemlos zu bekommen wie eine Audienz beim Papst, weil sich die Band nicht von den Medien verheizen lassen will. Für seinen Kumpel und PEARL JAM-Fanatiker Marcus Schleutermann machte Gitarrist Stone Gossard allerdings eine Ausnahme.

In der Vergangenheit wurde Pearl Jam immer wieder vorgeworfen, ihren Durchbruch neben dem "Nirvana-Effekt" hauptsächlich einem grenzenlosen Hype zu verdanken. So wurde beispielsweise in einer amerikanischen Reportage über die Strukturen des Musiksenders MTV berichtet, daß jede Major-Firma pro Jahr einen Schwerpunktwunsch äußern kann und daß Sony diese Option für das ´Alive´-Video, das anfangs angeblich kaum auf Resonanz stieß, nutzte. Massive Anzeige-Kapangnen und ähnliche Promo-Pusher wurden ebenfalls unterstellt, doch erklären können diese- teils völlig haltlosen - Vorwürfe das Phänomen PEARL JAM nur sehr unzureichend. Ich kann mich noch genau daran erinnern, daß Seattle's Finest auf ihrer ersten Tour viel zu kleine Clubs gebucht hatten, da weder die Plattenfirma noch der Veranstalter und am allerwenigsten die Band selbst mit einem dermaßen großen Publikumsdrang rechneten. In Köln beispielsweise wechselte man vom ursprünglich vorgesehenen Luxor in die rund viermal größere Live Music Hall, die innerhalb kürzester Zeit ebenfalls ausverkauft war. Wie auch jüngst bei Rage Against The Machine ein typischer Selbstläufer also.

Erst nach diesem enormen Basis-Erfolg begann Sony mit großangelegten Werbe-Aktionen, um auch die breite Masse zu erreichen. Doch wo Erfolg ist, sind auch die Neider nicht weit, und deshalb fällt oft auch heute noch das böse Wort vom Hype. Verständlicherweise hören das so durch und durch integere Musiker wie Eddie Vedder, Mike McCready, Dave Abbruzzese und vor allem natürlich die Haupt-Songwriter Stone Gossard und Jeff Ament, die sich mit Green River schließlich als Sub-Pop-Pioniere ins Buch der Musikgeschichte eingetragen haben, gar nicht gerne. Deshalb ergriffen sie, soweit das in ihren Händen liegt- Gegenmaßnahmen, mit denen sie zugleich eine sanfte Rebellion gegen das bestehende System eingeleitet haben. So gibt es beispielsweise als deutliches Zeichen gegen die überhandnehmende, audiovisuelle Vemarktung, die kleineren Bands kaum eine Chance läßt, zu ´Go´, der ersten Single-Auskopplung des neuen Albums, kein Video.

"Heutzutage ist es eine obligatorische Notwendigkeit, einen Clip zu drehen, obwohl das noch vor wenigen Jahren kaum jemand gemacht hat", erklärt der sympathische Gitarrist diesen Schritt. " Ich respektiere diese Art der künstlerischen Umsetzung und bin auch selbst an dieser Ausdrucksform interessiert, aber es stört uns alle, daß zu jeder Single-Auskopplung offenbar ein Video gemacht werden muß. Wenn es ein ausdrucksstarkes Gesamtkonzept für den Song und die Story bzw. die Bilder gibt, ist das ja völlig okay- aber nur um uns der Medienlandschaft anzupassen, machen wir kein Video. Darüber hinaus schränken die meisten Clips auch die Interpretationsmöglichkeiten der Lyrics und somit die Phantasie der Hörer ein, weswegen ein neues Video von uns - das früher oder später sicher kommt - mit größter Wahrscheinlichkeit ein Live-Mitschnitt im Stil von ´Alive´sein wird. Diese Umsetzung hat zudem den Vorteil, daß wir dem albernen Playback- Gepose entgehen können. Unabhängig von diesen Dingen wollen wir auf jeden Fall mit unserer Zurückhaltung auf dem Videosektor erreichen, daß die Leute ihren Arsch aus dem Fernsehsessel schwingen und wieder mehr Konzerte besuchen, denn nur Live kann Musik ihre wahre Magie entfalten. Diese Aufforderung an die nicht ohne Grund so betitelte "MTV-Generation" gilt dabei keineswegs nur unseren Gigs- im Gegenteil: Schaut euch vor allem die Newcomer in den Clubs an, denn etwas Neues zu entdecken, ist immer noch am aufregendsten!"

Für Aufregung sorgte auch PEARL JAMs Protest gegen das fragwürdige englische Chart-System, bei dem es möglich ist, daß Bands in einer Woche die Pole-Position einnehmen und in der nächsten Woche schon wieder ins Bodenlose fallen oder überhaupt nicht mehr vertreten sind. Um auf diesem Umstand aufmerksam zu machen, wurde der 'Go'- Single eine Bonus-Cassette beigepackt, wodurch die für Singles zulässige Gesamtspielzeit von 20 Minuten überschritten wurde und die Auskopplung somit aus der Chart-Wertung fiel. Da "Vs." momentan ein Verkaufsrecord nach dem anderen bricht (allein in Amerika wurden innerhalb der ersten Woche eine Million Exemplare verkauft!!), war der englische Chart-Boykott natürlich um so auffälliger. Des weiteren wurden auch die Interviews stark eingeschränkt.

"Abgesehen davon, das wir die Vermarktung als Teenie-Idole überhaupt nicht mögen und auch äußerst ungerne in Poster-Form als Dekoration dienen, haben wir in den letzten beiden Jahren gelernt, daß einem die Presse sowohl helfen als auch schaden kann. Eddie ist beispielsweise ein betont gefühlvoller und fast schon selbstzerstörerisch ehrlicher Mensch, und er hat schon einige Probleme bekommen, weil man ihn oft mißversteht und seine Antworten falsch auslegt. Ich bin mit ihm über zwei Jahre auf Tour gewesen und weiß, daß er ein scheuer, ausgesprochen netter und liebenswerter Mensch ist. Wenn man jedoch bestimmte Interviews liest, kann man als Außenstehender schnell den Eindruck bekommen, daß er eine weinerliche, undankbare Primadonna ist, was zum Teil auch daran liegt, daß markante Zitate aus dem Kontext gerissen und somit entstellt werden. Um das zu vermeiden, müßten wir uns eine zweite(Schutz-) Persönlichkeit für die Öffentlichkeit zulegen, denn man kann spontane Gefühle wie zu Beispiel Tourmüdigkeit, die man einem Freund bedenkenlos erzählt, nicht so einfach der Presse gegenüber äußern. Man wird eben als Bandmitglied und nicht als Privatperson interviewt, und das überträgt einem eine größere Verantwortung, die es nicht immer einfach macht, vorbehaltlos offen und ehrlich zu sein. Das wiederum können wir nicht mit unserer generellen Einstellung vereinbaren. Meiner Ansicht nach sind die meisten Interviews doch ohnehin völlig überflüssig, weil man entweder über Musik spricht - und die sollte man sich besser anhören, als darüber zu reden - oder aber nach so belanglosem Zeug wie der Lieblingsfarbe, dem Haustier usw. gefragt wird. Viele Journalisten sind einfach schlecht vorbereitet, und das nervt - vor allem dann, wenn man mehrere Interviews nacheinander geben muß. Wir sind mit Sicherheit bessere Musiker als Interviewpartner, denn unsere Alben enthalten schon viele Statements und stehen für sich."

Diese bemerkenswerten "Anti-Hype-Aktionen", bei denen die Bandmitglieder natürlich auch das Risiko erheblicher finanzieller Einbußen in Kauf nehmen, will Stone in seiner typisch bescheidenen Art allerdings nicht überbewertet wissen, obwohl das Beispiel deutlich gezeigt hat, daß selbst bei einem Top-Status solche Glaubwürdigkeitsförderung zu enormen Popularitätsverlusten führen kann.

"Wir sind enorm groß und können uns daher dieses Risiko problemlos erlauben, weil uns die finanziellen Verluste - sofern sie langfristig überhaupt auftreten - nicht sonderlich schmerzen. Die Ehre gebührt den Bands, die sowas aus reiner Überzeugung konsequent durchziehen, obwohl es um ihre Existenz geht. Wir versuchen einfach nur, mit dem Erfolg bewußt umzugehen und ihn möglichst intelligent einzusetzen."

Dazu gehört auch eine bewußt spontane Tourplanung, die es den Musikern erlaubt, den Spaß an der Sache beizubehalten. "Wir sind eine sehr intensive Gruppe, die live ihren Emotionen freien Lauf läßt, die alles von sich gibt. Das heißt aber auch, daß wir uns ausgesprochen stark verausgaben und daher nicht so ein großes Durchhaltevermögen wie andere Bands haben, die ihr Programm einfach 'nur' mit hundertmal geübten Posen abreißen. Aus diesem Grund gibt es keine Möglichkeit für uns, für ein ganzes Jahr im voraus 240 Shows zu buchen- die vorletzte Europa-Tour, die wir auf dem Roskilde-Festival abbrechen mußten, weil wir alle an unsere Grenzen angelangt waren, hat das deutlich gezeigt. Aus diesem Grund planen wir jetzt immer nur für die nächsten zwei Monate und kehren dann nach Seattle zurück, um unsere Akkus wieder aufzuladen. Erst wenn das geschehen ist, gehen wir wieder für weitere zwei Monate auf Tour. Dadurch können wir zwar nicht überall spielen, aber dafür werden unsere Shows um so intensiver und besser sein, weil wir voll bei der Sache sind. Diese Balance zwischen Verpflichtung und Spaß ist die beste Garantie für ein langes und kreatives Bandleben. Mudhoney haben uns dazu inspiriert, denn sie machen das schon lange so." Trotz dieser Live-Einschränkung verspricht er, daß PEARL JAM definitiv auch in Europa spielen werden. Wann genau, ist aus den genannten Gründen noch offen, aber aller Voraussicht nach wird es bei einer Toleranz von einem Vierteljahr um die Jahreswende '94/'95 sein. Wen sie dabei als Support-Act verpflichten, ist natürlich noch ungewiß. "Ich persönlich würde gerne noch einmal Tribe After Tribe, meine Freunde von Green Apple Quickstep, Urge Overkill oder Redd Kross mit auf Tour nehmen", listet Stone seine Lieblinge auf und erzählt, daß er mit dem Letztgenannten schon zusammengespielt hat, als er noch bei Green River war: "Yeah, das war ein historischer Gig, weil zudem noch Malfunction - die frühere Band von Mother Love Bone- Sänger Andrew Wood - das Package ergänzten!"

Standardfragen langweilen in der Regel, doch an dieser Stelle ist eine davon angebracht, da der Titel des aktuellen Album gleich zweimal geändert wurde. Das reguläre Tape, das mir Stone kurz vor der Veröffentlichung gab, war mit "Five Against One" überschrieben, die Erstauflage der CD war schlicht unbetitelt, und nun hat man sich auf "Vs." festgelegt. Ein wahres Paradies für Sammler! Nach gründlichen Überlegen hatte Eddie Bedenken, daß "Five Against One" falsch ausgelegt werden könnte, weswegen mangels einer neuen Idee zunächst unbetitelte Exemplare gepreßt wurden. Dann kam er mit "Vs." an und dabei bleibt's jetzt. Dieser Name hat eine Doppelbedeutung, da er im Sinne des ersten Titels sowohl als "gegen" als auch in Abgrenzung zum Refrain als "Vers" ausgelegt werden kann.

Ein besonders wichtiger Aspekt bei der Entfaltung der Kreativität ist für die Musiker eine familiäre, relaxte Atmosphäre. So arbeiten im Management, das sich schwerpunktmäßig um PEARL JAM kümmert, u.a. Verwandte der Bandmitglieder. "Wenn man denen nicht vertrauen kann, wem dann?" fragt Stone rhetorisch und betont in diesem Zusammenhang, daß an Produzent Brendan O'Brain das Wichtigste nicht sein ungeheures Talent, sondern seine Menschlichkeit sei. "Er nimmt sich nie zu wichtig, schafft eine tolle Harmonie und ist überdies ein sehr humorvoller Typ. Die Aufnahmen mit ihm waren mehr Spaß als Arbeit, und das hört man auch! Nervosität wegen Erfolgsdruck kam gar nicht erst auf; nur unserer persönlicher Ehrgeiz, ein besseres Album als "Ten" zu machen, sorgte für ein gewisses Kribbeln."

Auch wenn man von Stones Vorliebe für Rap weiß, so war die PEARL JAM/Cypress Hill-Zusammenarbeit auf dem "Jugment Night"- Sampler doch eine große Überraschung, da die beiden Bands so gut wie keine musikalischen Übereinstimmungen haben. "Das war eine spaßige und vor allem ziemlich spontane Aktion, weil die Cypress Hill- Anfrage mitten in unserer Produktionsphase kam", erinnert sich mein Gegenüber. "Sie gaben uns einen Drum Beat vor, und wir haben dann gemeinsam auf dessen Basis mit echtem Schlagzeug gejammt. Bei einer MTV Silvester-Veranstaltung haben wir den Song sogar live gespielt. Apropos MTV: Bei der letztjährigen Video-Award-Verleihung sackten PEAR JAM nahezu alle Preise ein, obwohl die Konkurrenz (u.a. Aerosmith) eher mit besseren als mit schlechteren Clips am Start war. Konsequenterweise hätten die Jungs die Preise - die ja schließlich Bestandteil des Systems sind, gegen das sie kämpfen - ablehnen müssen.

Stattdessen beließen sie es bei furztrockenen Kommentaren: Stone will beispielsweise keine Stellungnahme darüber abgeben, ob die Awards gerechtfertigt sind oder nicht, und schätzt nur sarkastisch, daß MTV- Leute auf diesem Wege "vielleicht dafür bedanken wollen, daß das 'Jeremy'-Video ihnen zu so guten Einschaltquoten und somit zu viel Geld verholfen hat." Den Vogel jedoch schoß Eddie ab, als er beim Anblick der Pseudo-Oscar-Statue lakonisch meinte: "Sieht ja aus wie Bono von U2..." Neu ist die Information, daß Stone mit Brad ein starkes Side-Projekt hat, nun wirklich nicht mehr, aber gemessen an den unverhältnismäßig schwachen Verkäufen des Debüt "SHAME", dessen bester Track '20th Century' auch auf der "Headfull Of Rock" Sony -Compilation gefeatured wird, scheinen es viele PEARLJAM-Fans doch noch nicht so richtig mitbekommen zu haben. Daher sei an dieser Stelle noch einmal kurz darauf eingegannen:

"Das Projekt Brad besteht neben mir aus meinen beiden alten Freunden Shawn Smith und Regan Hagar, die ein Album mit ihrer Band Pigeonhead bei Sub Pop herausgebracht haben, sowie Jeremy Toback aus L.A... Das Material haben wir in wenigen Wochen komponiert und aufgenommen, weil ich vor allem mit Shawn schnell und unkompliziert arbeiten kann. Ich bin mir ziemlich sicher, daß es vielleicht noch in diesem Jahr eine zweite Brad-Scheibe geben wird, die wir allerdings - genau wie das Debüt - einfach nur veröffentlichen und nicht groß promoten wollen, weil dazu einfach die Zeit fehlt." Amüsant ist die Geschichte, wie die Jungs zu ihrem Bandnamen kamen: "Ursprünglich wollten wir uns Shame nennen, aber jemand anderes hatte die Rechte auf diesen Namen und witterte das große Geschäft. Obwohl seine Band gar nicht mehr existierte, wollte er einige tausend Dollar und noch Prozente an den Verkäufen rausschlagen, so daß wir uns dazu entschieden, uns als Protest gegen die albernen Copyright-Gesetze einfach nach ihm zu benennen: Brad. Da der Bandname als Sticker auf der Hülle klebt, steht auf dem eigentlichen Cover nur Shame - genau so, wie wir es wollten," freut sich Stone wie ein kleiner Junge über diesen gelungenen Streich.

Als ich ihn im Anschluß daran auf die Inspiration zum Namen PEARL JAM anspreche, wird er jedoch auffallend ruhig und einsilbig. Bisher kursierten immer Gerüchte über eine geheimnisvolle Marmelade von Eddies Großmutter, doch wenn man schon mal im Phoenix-Hotel in San Francisco war, das bevorzugt von Rock Bands bezogen wird, erschließt sich eine zweite, weitaus banalere Interpretationsmöglichkeit. In diesem Hotel gibt es nämlich eine große Bar mit dem Namen "Miss Pearl's Jam House", die zu allem Überfluß auch noch auf der Eddy-Street liegt.

"Hm, klar kenne ich dieses Hotel, aber ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, ob wir schon vorher PEARL JAM hießen oder erst dadurch auf unseren Bandnamen gekommen sind..."

Hm, ansonsten ist der Gute doch nicht so vergeßlich...

Verfasser: Marcus Schleutermann
Zeitschrift: Rock Hard März 1994
thx to Annette