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ReHa-Klinik Seattle

Mad Season steht für die Jahreszeit, wenn das Psilocybin auf den Wiesen sprießt. Auch Sideprojekte wichtiger Leute haben dann wieder Hochsaison. Leider halten diese selten, was die großen Namen versprechen. Das Jahrhundertmonument Temple Of The Dog war da eher die Ausnahme. Einer der Hauptbeteiligten damals, Pearl Jams Mike McCready, hat jetzt erneut zugeschlagen.

Diesmal mit Hilfe von Barrett Martin (Screaming Trees) an den Drums, Layne Staley (Alice In Chains) am Mikro und dem Blues- Bassisten John Baker Saunders (Little Pat Rushing), den Mike beim Entzug in einem Rehabilitationszentrum in Minneapolis kennengelernt hatte. Auch Barretts ehemaliger Bandkollege Mark Lanegan schaute kurz im Studio vorbei und sang mit Layne zwei der Highlights von "Above" ein, die - kaum überraschend - den Meinungsdurchschnitt im letzten Monat auf ihre Seite hatten. An Temple Of The Dog kommen Mad Season zwar nicht ganz heran, aber sie strahlen zumindest das gleiche hypnotische, melancholische Flair aus, das den Hörer unweigerlich in seinen Bann zieht. Keine Hintergrundmusik für jede Gelegenheit, sondern ein Seelentrip für ganz besondere Augenblicke.
Dummerweise sind die dazugehörigen Musiker meistens extrem sensibel oder geheimnisverliebt und wollen den erbarmungslosen Mühlen des Musikgeschäfts mit dem Seitensprung regelrecht entfliehen. Deshalb beantworten Mad Season trotz des sensationellen Debüts erstmal keine Fragen und speisen die neugierige Journaille mit einem einzigen, ziemlich oberflächlichen Radiointerview ab, das Claire Sturgess am Tag nach der diskreten Pearl- Jam-Fanclub- Show in Seattle mit Mike und Baker geführt hat.
Baker erinnert sich lachend an ihr erstes Kennenlernen. "Was mir zuerst an Mike auffiel? Nun, er war genauso besoffen wie ich. Ich wußte, daß er Musiker ist, und ich kannte auch den Namen seiner Band, aber ich hatte noch nie ein Stück von ihnen gehört. Also bat ich ihn, mir etwas vorzuspielen, was er dann auch tat. Ich fand den Song auch nett. Ich schätze, er muß O.K. sein, wenn sie davon acht Millionen Einheiten verkauft haben, wie Mike mir hinterher erzählte. Anyway, er mag den Blues, und ich bin aus Chicago und habe sehr lange Zeit Blues gemacht. Wir spielten einige Abende in Blues- Clubs, wo die Leute genausowenig wußten oder wissen wollten, wer Pearl Jam ist. Sie mochten einfach seine Art, Gitarre zu spielen. Wir beschlossen, weiterhin in Kontakt zu bleiben, und da wir zu der Zeit nicht so viel zu tun hatten, trafen wir uns noch zur Session mit Layne und Barrett. Es machte höllisch Spaß, schon beim ersten Mal wußten wir, daß es eine gute Sache werden würde. Nichts war gezwungen, jeder von uns wollte einfach Musik machen".

Um so spontan und unbeeinflußt wie möglich arbeiten zu können, erzählten sie keiner Plattenfirma von den gemeinsamen Studio- Aktivitäten. Wozu auch, kein Label der Welt hätte die Veröffentlichung von "Above" verweigert. Da aber Pearl Jam, Alice In Chains und die Screaming Trees allesamt bei ?Sony'- Töchtern unter Vertrag sind oder waren, ist es kaum verwunderlich, daß letztlich `Columbia` den Zuschlag erhielt. Für Mike, der allein mit Pearl Jam inzwischen zwanzig Million Scheiben verkauft hat, ist die geschäftliche Seite von Mad Season uninteressant. Er begeistert sich mehr für die Pink Floyd- Uhr der Interviewerin. "Ich liebe Pink Floyd. Einmal habe ich sogar David Gilmour getroffen, aber ich war zu betrunken. Er war sehr cool, wie ein alter englischer Gentleman. Es war in Atlanta, noch bevor ich in der Reha war, also hatte ich mächtig viele Drinks und bin sogar richtig in Ohnmacht gefallen. Sie mußten mich ins Hotel zurücktragen; die Sache ist mir äußerst peinlich. Wir hatten eine gute Zeit zusammen, bis ich umgekippt bin. Ich würde Dich gerne wiedersehen, David, du bist ein großartiger Gitarrist, du bist Gott, und ich verspreche, nicht wieder backstage ins Koma zu fallen, wenn du dich noch mal sehen lassen solltest".

Noch genießen alle das Gefühl, den Kopf vom Nebel befreit zu haben, doch der Bandname, die melancholischen Klagelieder und die Art, wie sie von ihren Rauscherlebnissen erzählen, stimmen mich irgendwie skeptisch. Da schwingt unterschwellig noch ein wenig von dem Stolz mit, den Teenager nach gewonnenen Saufwetten an den Tag legen. Daß der Kampf gegen das Gift noch längst nicht abgeschlossen ist, weiß Mike jedoch auch, wie seine Entgegnung auf die Frage nach Zukunftswünschen zeigt. "Ich möchte meine Nüchternheit beibehalten", antwortet er ohne langes Überlegen. "Das ist das wichtigste für mich, jeden Tag von Neuem. Ich gehe zwar zu Meetings, aber ich will deshalb nicht großartig predigen. Es ist ein konstanter Prozeß, ein täglicher Kampf, weil die Verlockung im Musikgeschäft allgegenwärtig ist. Man geht ständig in Clubs, wo getrunken wird, das ist hart. Aber die Befriedigung Musik auf die Beine zu stellen und einen klaren Kopf dabei zu haben, kommt weitaus besser als die Scheiße, die ich sonst gewöhnlich verzapft habe."
Auch die Lyrics, allesamt von Layne verfaßt, setzen sich mit Schwierigkeiten des Cleanwerdens auseinander. "Slow suicide's no way to go" warnt zum Beispiel der Opener "Wake Up", und "Artificial Red" oder "Lifeless Dead" strotzen nur so vor Querverweisen aus dem Junkie- Alltag. Für die wunderschöne sentimentale Hymne "Long Gone Day" hat sich auch Mark Lanegan an der Textproduktion beteiligt. Neben der ersten Single- Auskopplung "River Of Deceit" definitiv das Highlight unter den zehn zerbrechlichen Perlen dieses Albums. Auch der zweite Song mit Baumgeschrei, das Titelstück "I'm Above", schafft es in meiner persönlichen Top- Ten unter die ersten drei, obwohl hier die AIC- Prägung zu sehr im Vordergrund steht. Was Mike nicht sonderlich stört. "Es war mir ein Vergnügen, mit Layne zu arbeiten. Das wollte ich schon immer, weil er schon seit langem einer meiner Lieblingssänger ist. Ich kann mich mit vielen seiner Texte identifizieren. Er singt einfach unglaublich und hat so eine scharfsinnige, subtile Art sich mit Dingen auseinanderzusetzen. Zum Beispiel malt er verbale Bilder von Seattle, mit denen ich viel anfangen kann. Im Großen und Ganzen geht es auf der Platte wohl darum, mit sich selbst ins Reine zu kommen und sich klar darüber zu werden, wer man ist. Es war mir auch eine große Freude, daß wir Mark dazu bewegen konnten, etwas für unser Album einzusingen, da auch er schon lange zu meinen Favoriten zählt".

Wie öde, schon wieder Leute, die sich mögen und nur Gutes voneinander berichten. Hater, The Magnificient Bastards, Mad Season - alles Erfüllungen lang gehegter Wunschträume. Man klopft sich gegenseitig auf die Schultern und vermehrt so die eigenen Credits. Eddie Vedder trifft sich fleißig zur Session mit Mike Watt oder Krist Novoselic und spielt nebenbei Schlagzeug in der Band seiner Frau, die auf den Namen Hovercraft hört (die Band, nicht die Frau!). Mit der jazzigen Kapelle, die beim allerersten Mad Season- Konzert im `The Crocodile' den Abend eröffnete, vertrieb sich Stone Gossard die Zeit. Dabei hat er neben Pearl Jam noch das Label `Loosegroove` um die Ohren. Das Leben bei Pearl Jam scheint ganz schön langweilig zu sein. "Wir leben alle in unserer eigenen Welt mit unseren eigenen kleinen Nebengeschichten. Es war eine gute Gelegenheit, aus uns herauszukommen und was gänzlich anderes zu machen".
Mike genießt besonders das nostalgische Gefühl. Wieder in kleinen Clubs zu spielen und ungeplant draufloszujammen, statt in anonymen Stadien die immer gleichen Hits runterzuleiern. "Mad Season ist nicht so strukturiert wie Pearl Jam. Es geht nur darum, zusammenzukommen und Spaß zu haben. Vielleicht gehen wir auf Tour, vielleicht nicht. Kann sein, daß wir ein neues Album machen werden, kann aber auch nicht sein. Wir wollen nur Musik machen und unsere Egos befriedigen". Auch für Baker, den ich aufgrund seiner musikalischen Vergangenheit einfach mal für den hohen Blues- Gehalt von "Above" verantwortlich mache, ist es ein wichtiges Anliegen, das Business- Bullshit- Level so niedrig wie möglich zu halten. "Wir haben viel Tolles erlebt in den letzten vier Monaten. Der Aspekt der Freundschaft ist das Großartigste an der ganzen Sache. Die Musiker hier sind cool, sie fahren kein Stück auf dieses Rockstargehabe ab. Jeff Ament hat mir das ganze Equipment geliehen und auch Eddie war sehr hilfsbereit. Gestern haben Pearl Jam einen intimen Gig für ihre Freunde gegeben, das war Großartig. Neil Young kam vorbei und spielte einen Song. Hier steht der Spirit der Musik an erster Stelle, diese Musiker lassen einfach alles, was von der Musik ablenkt und sie verfälscht, außen vor. Das ist nicht gerade einfach.

Verfasser Dirk Siepe
Visions 06/1995
Viel Spass beim lesen allen Pearl Jammies wünscht
Annette