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Wie Ein Egomane Sich Selbst Erfand

Who Are You - Pearl Jams Eddie Vedder

Seit seinem Einstieg bei Pearl Jam behauptet Eddie Vedder, er wolle kein Rockstar im üblichen Sinne sein. Er würde den Verlockungen der Macht, des Reichtums und des Ruhms widerstehen. Die Hauptsache sei für ihn die Musik. Doch die zugereiste Grunge-Ikone hat in Seattle nur noch wenige Freunde und entpuppt sich obendrein - trotz aller Verweigerungsaktionen - immer mehr als notorischer Wendehals.

?Herzlichen Glückwunsch zur R.E.M.- Plattenparty?, witzelte Eddie Vedder auf der Bühne des Showbox- Theaters in Seattle- ?und zur Pearl Jam- Reunion- Tour.? Es ist der 14. September 1996, und dieser Clubauftritt ist der inoffizielle Start der Welttournee zu dem neuen Pearl- Jam- Album ?No Code?. Journalisten, kleine PR- Agenten, Fotografen und andere Branchentypen müssen draußen bleiben. Es sind nur etwa 800 handverlesene treue Fans da, die lange auf diesen Moment gewartet haben. Das ideale Ambiente für Vedder, der allem, was nach Superstartum riecht, feindlich gesonnen ist. Abgesehen von ein paar Auftritten bei ihrer abgebrochenen `95er Tour, waren Pearl Jam seit über zwei Jahren nicht mehr auf Tour. Eigentlich müßte es also ein legendäres Konzert werden - die triumphale Rückkehr der Band.
Vedders mißmutiger Miene ist das allerdings nicht anzusehen. ?Habt ihr schon die neue Platte gehört?? fragt er in seinen rauchigen Bariton. Vereinzelter Applaus. ?Naja?, murmelt Vedder, ?dann hört ihr sie noch mal.? Die Band eröffnet mit der zarten Ballade ?Sometimes?, dem Opener von ?No Code?: ?Seek my part?, krächzt Vedder gequält. ?Devote myself/ My small self/ Like a book amongst the many on a shelf.? Der verhaltene Einstieg verwirrt die moshwütige Twentysomethings im Publikum, die auf eine gewohnt exaltierte Show gehofft haben. Sie haben kein Glück. Selbst bei ?Hail, Hail?, der einigen Rockhymne auf ?No Code?, geht es nicht richtig los. Jeff Ament, der für seine Luftsprünge berühmter Bassist, steht wie angewurzelt auf der Bühne. Mike McCready, der Leadgitarrist, wagt armrudernd ein paar Gitarrenheldposen, doch als seine Kollegen nicht reagieren, verfällt auch er in stumpfe Lethargie. Stone Gossard, der für diesen Auftritt noch nicht mal seine Brille abgenommen hat, bearbeitet seine Gitarre mit der Leidenschaft eines Mannes, der eine Grube gräbt. Und Drummer Jack Irons trommelt zwar gleichmäßig, aber zurückhaltend.

Vedder selbst singt seine Songs mit einer Lässigkeit, die an Herablassung grenzt. ?Diesen Teil des Konzerts nennen wir die menschliche Jukebox?, kündigt er die Publikumsrenner von den LPs ?Ten?, ?Vs.? Und ?Vitalogy? an. ?Even Flow?, ?Alive? und ?Whipping? klingen so bleiern, als wäre eine Coverband am Werke. Und das scheint Vedder zu wissen. ?Tja?, meint er, bevor er die Bühne verläßt, ?dafür hat es sich ja fast gelohnt, aus dem Haus zu gehen.?

Er selber findet in letzter Zeit offenbar immer weniger Gründe, aus dem Haus zu gehen. Während die anderen Bandmitglieder regelmäßig in den Clubs und Restaurant von Seattle auftauchen, sieht man Vedder kaum noch. Er drückt sich vor Interviews, weigert sich, Videos zu drehen, und wegen seines aussichtslosen Kampfs gegen die Konzertkartenagentur Ticketmaster macht er auch keine richtige Tourneen mehr.
Er igelt sich in seinem großen Haus in West- Seattle ein, in einer Enklave der gehobenen Mittelklasse. Dieses Haus wird von zwei Bodyguards bewacht, die sogar den Pizzalieferanten überprüfen, der Vedder einmal pro Woche eine kleine Pepperoni- und- Wurst- Pizza bringt. Aus Angst vor angeblichen Morddrohungen und vor Fans, die bereits seine andere Adresse (im Stadtviertel Capitol Hill) rausgekriegt haben, umgibt sich der Sänger mit ein paar Rockstar- Kollegen, die den Journalisten gegenüber dichthalten. Wenn Vedder doch einmal mit Reportern spricht, nutzt er die Gelegenheit hauptsächlich dazu, über die Last seines Ruhms und Erfolg zu lamentieren.

In der Öffentlichkeit haben sich Pearl Jam immer als demokratische Band bezeichnet, bei der alle fünf Mitglieder gemeinsam Entscheidungen fällen. Doch von Insidern ist zu hören, Vedder sei der unangefochtene Kopf der Band. ?Die anderen erwarten, daß Eddie die Entscheidungen trifft?, bestätigt ein Informant bei Epic, dem Label der Band. ?Jeder kann Vorschläge machen, aber Eddie sagt, wo?s langgeht.? Ein anderer nennt Vedder ?machtbesessen?. Seine Bandkollegen haben mit den Extravaganzen ihres charismatischen Sänger offenbar keine Probleme. Nach jahrelanger Ruhmlosigkeit sind sie dankbar für den Erfolg. Jeff Ament, als Sohn eines Barbiers in einen Kaff in Montana aufgewachsen, lebt immer noch in der gleichen Wohnung in Seattle wie vor dem Durchbruch der Band. Stone Gossard, geboren in Seattle als Sohn eines Rechtsanwalts, ist Mitbegründer eines kleines Plattenlabels, Loosegroove, das er zusammen mit seiner Schwester Shelly führt. Mike McCready aus Seattle, der schon in der Junior High School in Bands spielte, hat die Begleiterscheinungen des Rockstartums noch am ehesten zu spüren bekommen: 1994 war er wegen Alkoholproblemen in einer Klinik in Minneapolis, doch jetzt ist er trocken. Außerdem ist er Teilhaber eines beliebten Billardsalons in Seattle, der ?Garage?. Der neue Drummer Jack Irons ist ein alter Kumpel von Vedder, der damals den Kontakt zwischen ihm und Pearl Jam herstellte und Vedders Autorität wohl kaum in Frage stellen wird.

Diese Autorität zeigte sich 1994 beim plötzlichen Rausschmiß von Drummer Dave Abbruzzese. ?Dave war zu sehr Rockstar- Typ?, heißt es. ?Er bekam Titelstories in Fachmagazinen. Er war happy, sein Traum war in Erfüllung gegangen. Das wurmte Eddie.? Für den Fall, daß es auch ihnen einmal an den Kragen gehen sollte, sind die anderen Musiker gewappnet: Stone hat sein Label, Mike arbeitet an einer neuen Platte und Jeff hat seine Band Three Fish.
Seit seinem Einstieg bei Pearl Jam beharrt Vedder, er wolle kein Rockstar im üblichen Sinne sein. Er würde den Verlockungen der Macht, des Reichtums und des Ruhms widerstehen. Die Hauptrolle, sagt er, spiele die Musik - dieses Postulat paßte sehr gut zum punkbeeinflußten, antikommerziellen Ethos Seattles. Vedder schien der Inbegriff des unzufriedenen Grunge- Generation zu sein: ein verärgerter Rebell, dessen gequälte Texte und heiserer, wütender Gesang einer unglücklichen Kindheit und einer einsamen Jugend entsprangen. In einer Reihe von Interviews, die er dem Rolling Stone 1993 gab, feilte er an seinem Mythos: ein Surfer, der die Schule abgebrochen hatte und gegen seinen Willen zum Star geworden war. Doch diejenigen, die Vedder kannten, als er noch nicht berühmt war, können bezeugen, daß seine Karriere alles andere als Zufall war. ?Er weiß genau, worum es in der Branche geht?, sagt ein alter Freund von ihm. ?Er ist nicht die Spur die arme, verlorene Seele, die tolle Songs schreibt.?

?Es gelingt ihm meisterhaft, die Menschen und Situationen um ihn herum zu manipulieren?, heißt es bei Epic. ?Und sein eigenes Image.?
Wer ist Eddie Vedder? Er wurde 1964 als Edward Louis Severson 3 in Evanston/ Illinois als Sohn eines Musikers geboren, der sich von seiner Frau scheiden ließ, bevor Eddie zwei Jahre alt war. Vedder wuchs in dem Glauben auf, sein Stiefvater sei sein leiblicher Vater und dessen drei Söhne seien seine leiblichen Brüder. Die ersten zwei Jahrzehnte seines Lebens hieß er Eddie Mueller.
In einem Interview mit der ?L.A. Times?, acht Tage nachdem Kurt Cobains Selbstmord entdeckt worden war, sprach Vedder über seine eigene depressive Veranlagung und erzählte, als Teenager hätte er derart oft an Selbstmord gedacht ?wie es Mahlzeiten am Tag gibt. Ich war ganz allein. Ich hatte nur die Musik.? Er weigerte sich, den Namen seiner Schule preiszugeben oder über seine Mitschüler zu reden. Begründung: ?Sie haben mich nicht gut behandelt.?
Doch seine Mitschüler von der San Dieguito High School, auf die Vedder ging, nachdem seine Familie Mitte der 70er Jahre nach San Diego umgezogen war, zeichnen ein ganz anderes Bild.

?Er war sehr beliebt?, erinnert sich Annette Szymanski- Gomez, eine alte Freundin. ?Ein extrovertierter Typ. Er bemühte sich stets, freundlich zu allen zu sein.? Eine andere Mitschülerin erzählte: ?Er war immer so nett und nahm sich Zeit für Gespräche. Deshalb versteh ich nicht, wieso es nun heißt, er sei depressiv gewesen. Nein, er war irre süß.? ?Alle Mädchen waren in ihn verknallt?, sagt ein anderer Freund, der sich gern an die Zeit mit ?Little Eddie Mueller?, wie er wegen seiner Körpergröße genannt wurde, erinnert. ?Wir spielten Fußball, kletterten in leerstehende Gebäuden herum. Manchmal spielte er mir auch bei sich zu Hause zusammen mit seinem besten Freund etwas auf der Gitarre vor.? Die Muellers wohnten in einem Mittelklasseviertel von Encinitas, einem Vorort San Diegos. ?Es war ein schönes Haus mit zwei Stockwerken. Sie hatten sogar ein Klavier?, sagt ein Freund. ?Seine Kindheit war alles andere als armselig.? Schon mit drei Jahren trat Eddie in einem TV- Werbespot auf.
Doch das war nur der Anfang. An der High School spielte er Theater und wurde im letzten Schuljahr zum talentiertesten Schauspieler gewählt. ?Er war wirklich ein wunderbarer Schauspieler?, erzählt ein Mitschüler aus dem Schauspielkurs. Beim Theaterspielen kam er auch Liz Gumble aus der Klasse unter ihm näher. Im März `81 wurden die beiden ein Paar und waren fortan unzertrennlich.
Auch in seinem Theaterlehrer, dem mittlerweile verstorbenen Clayton Liggett, fand Mueller einen guten Freund. Er wurde so etwas wie ein Mentor und Ersatzvater für Mueller, der sich, wie Freunde erzählten, nicht mit seinem Stiefvater verstand. ?Als Eddie noch zur Schule ging, kam er oft zu uns und besprach so ziemlich alles mit Clayton?, erzählt Liggetts Witwe, ?Ich weiß nicht, ob er einen Vaterersatz suchte, aber er brauchte jemanden, mit dem er reden konnte, und Clayton war immer für ihn da.? Auch wenn Eddies Schulzeit weniger trübselig war, als er behauptet, so versetzte es ihm doch einen herben Schlag, das Liz sich von ihm trennte. Freunde erinnern sich, daß er untröstlich war. ?Alles brach für ihn zusammen?, sagt einer. Mueller verließ kurz vor dem Abschluß die Schule und zog wieder zu seiner Familie in die nähe von Chicago. Dort machte er auch den High School- Abschluß. Etwa um diese Zeit nahm ?Little Eddie Mueller? - vielleicht um sich vom Stiefvater zu emanzipieren - den Geburtsnamen seiner Mutter an und hieß von nun an Eddie Vedder.
Obwohl sich Pearl Jams Musik eng mit der Seattle- Szene und der Grunge- Explosion der frühen Neunziger verflochten ist, was der Band den Weg an die Chartspitzen ebnete, liegen Vedders musikalische Wurzeln eigentlich im idyllischen kalifornischen Badeort La Mesa, wohin er 1984 nach zwei Jahren Chicago zog.
Zu dem Zeitpunkt wollte er nicht mehr Schauspieler, sondern lieber Sänger und Songwriter werden. Als Kind stand er auf die Bombast- Rockopern der Who, und nun war er bei jedem Rockkonzert in San Diego dabei. Er arbeitete als Hotelportier und Tankwart und schrieb massenhaft Songs, ohne sie jedoch aufzuführen. Erst Ende 1986 antwortete er auf eine Zeitungsanzeige. Bad Radio, eine Duran Duran- beeinflußte Rockband, suchten einen Sänger, der ihnen den Wechsel zum Alternative Rock a´la Love & Rockets erleichtern sollte. Vedder sandte ein Demo ein, auf dem er unter anderem Springsteens ?Atlantic City? sang. Er wurde eingeladen, sang u.a. ?Paint It Black? von den Stones und bekam den Job. Erst dann eröffnete er, sehr zu Freude der Band, daß er bereits ein Stapel fertiger Songs in der Schublade hatte.
Auf einem Demo von `89 spielten Bad Radio eine Fusion aus fadem, radiofreundlichen Rock und dem Funk Groove der Red Hot Chili Peppers. Vedders Stimme klingt dünner und höher als heute - außer beim letzten Song, einer Version von ?Better Man?, dem Stück, das später auf ?Vitalogy? erschien und einer der größten Radiohits der Band wurde. Hier kommt Vedders testosterongeladener Bariton, der später sein Markenzeichen wurde, bereits voll zur Geltung. Auf der Bühne kam ihm sein Schauspielunterricht zugute. Ständig fummelt er an seiner Mähne herum, grimassierte und rammte den Mikrofonständer auf den Boden. ?Eddie war auf der Bühne immer toll?, sagt sein Freund Mike Aitken aus San Diego. ?Er kam bei den Zuschauern immer gut an, egal, ob ihnen seine Musik gefiel oder nicht.?
Auch jenseits der Bühne war er der Mittelpunkt der Band. Er war zwar nur als Sänger engagiert worden, nahm jedoch schnell die Zügel in die Hand und wurde nicht nur Bad Radio Songschreiber, sondern ihr Manager, Booker und Promoter. Er kopierte handgemachte Flyer und designte die Demokassette der Band.
?Eddie machte ständig Werbung für seine Band?, sagt Tim Hall, ein Club- Promoter aus San Diego. Steve Saints, ein Veteran der dortigen Szene, erinnert sich: ?90 Prozent der Garagenbands sitzen rum und warten darauf entdeckt zu werden. Eddie war da anders. Er versuchte stets, die Band irgendwo unterzubringen.?
Vedder Operationsbasis war der ?Bacchanal? - Club, in dem aufstrebende Acta spielten (und dem später mit ?Mankind? auf ?No Code? ein Denkmal gesetzt wurde). Vedder war überall dabei. ?Er schleppte ohne Bezahlung das Equipment, nur um die Chili Peppers oder sonst jemanden kennenzulernen?, sagt Saint. Der damalige Geschäftsführer des Clubs, Billy Buhrkuhl, erinnert sich: ?Er arbeitete als Roadie oder klebte Briefmarken auf Versandlisten. Er wußte genau , was er wollte: Musik machen. Er fragte mich , wie man am besten an einen Vertrag rankäme, wie man einen Booker fände und so weiter.?
Vedders Fähigkeit, sich bei bekannten Bands einzuschmeicheln, war legendär. Mit Joe Strummer von The Clash sumpfte er eine Nacht durch. Einmal fuhren er und Dave Silva, der Bad Radio- Bassist, nach L.A. zu einem Gig der Band von Ex- Police- Drummer Stewart Copeland. Nach dem Auftritt stellten die beiden Copeland und drängten ihm ein Gespräch auf. Anthony Kiedis, Flea und der damalige Drummer Jack Irons von den Chili Peppers waren besonders empfänglich für Vedders Charme. Nachdem sie ihn bei einem Auftritt kennengelernt hatten, luden sie ihn zu einer Expedition durch den Yosemite- Nationalpark ein. Es gab allerdings auch Rockstars, die immun gegen Vedders Schmeicheleien waren. Der Surfer John Von Passenheim erinnert sich an den Abend, an dem Bad Radio als Vorgruppe der Lemonheads spielten. ?Vedder wurde Evan Dando vorgestellt und sagte: ?Schau Dir mal den Flyer an, den ich für den Gig gemacht habe.` Evan sah ihn sich an, sagte: ?Aha`, ließ ihn fallen und ging.? Doch so etwas passierte selten.
Selbst Vedders Liebesleben ergänzte sich wunderbar mit seinen musikalischen Ambitionen. Seine Freundin (und jetzige Frau) Beth Liebling hatte beste Verbindungen zur Branche. Während ihres Studiums an der San Diego State University veranstaltete sie dort Konzerte und fuhr am Wochenende nach L.A., wo sie ein Praktikum bei Virgin Records absolvierte. Obendrein machten sie und Vedder die Promotion für ein wöchentlichen Gothic- Rock- Abend namens ?Red Tape?.

Einer von Vedders engsten Vertrauten war Saifudinov, der Chef des Probestudios von Bad Radio, der in den Sechzigern in Rußland seine eigene Rockband gehabt hatte. ?Nach den Proben unterhielten wir uns oft stundenlang?, sagte Saifudinov, den Vedder in den Liner- Notes eines Bad Radio- Demos als ?Mentor? auflistet. Saifudinov meint, Vedders jetzige Anti- Rockstar- Haltung könnte ihren Ursprung in diesen Gesprächen haben. ?Ich habe ihm immer gesagt: ?Vor allem bist Du Musiker. Du bist ein Songwriter. Das ist es, was zählt. Jeder Idiot kann sich eine Salami in die Hose stecken und sich in Positur schmeißen. Oder zum Arschloch werden, nur weil er Geld hat.?
Unterdessen arbeitet Vedder hart daran, Bad Radio als sozial engagierte Band zu etablieren. Er buchte Auftritte bei Benifizkonzerten und sang über Obdachlosigkeit und Rassismus. Dieser Aktivismus war nicht nur auf der Bühne des Baccanal beschränkt. Bei einer Sitzung des San Diego City Councils zum Thema Sozialwohnungen setzt er sich mit der akustischen Gitarre in den Hof und sang Tracy Chapmans damals aktuellen Protestsong ?Talkin? Bout a Revolution?. Ein andermal lernten Liebling und er einen Obdachlosen kennen, der wieder in seine Heimat im Mittelwesten zurückkehren wollte. Sie kauften ihm etwas zu essen, nahmen ihn mit in ihre Wohnung, ließen ihn dort duschen, gaben ihm Klamotten, kauften ihm eine Fahrkarte und setzten ihn in den Bus nach Hause. Liebling dokumentierte das Geschehen mit einer Polaroid- Kamera. Vedders nahm die Fotos später mit ins Probestudio und zeigte sie stolz Saifudinov. Dave Silva erinnert sich, daß Vedder sogar eins der Fotos bei Aufnahmen zu einem Demo vor sich hinstellte - zu Inspiration. Vedders Aktivismus trieb einen Keil zwischen ihn und den Rest der Gruppe. Silva meint allerdings, die Band hätte sich nicht gegen sein Engagement aufgelehnt, sondern dagegen, daß er alles für sich behielt: ? Er weihte uns nie soweit ein, daß wir sagen konnten, okay, wir machen mit. Er machte alles in eigener Regie. ?Es gab noch andere Probleme zwischen der Band und ihrem Sänger. ?Wir waren nicht auf dem gleichen Level?, meint Silva ein. ?Er widmete sein ganzes Leben der Musik, da kamen wir einfach nicht mit.?
Ende 1989, drei Jahre, nachdem er auf die Anzeige von Bad Radio geantwortet hatte, lud Vedder Saifudinov zu einem Auftritt der Band im Baccanal ein. ?Auf der Party danach?, erinnert sich Saifudinov, ?setzte sich Eddie zu mir und sagte: ?Ich verlasse die Band.? Ich fragte: ,Wieso? Was ist denn los?? Und er antwortete: ,Es muß voran gehen. Ich versuche, mein Ding durchzuziehen.??
Vedders nächste Station war L.A.. Liebling hatte einen Job in der Virgin Presseabteilung bekommen, wo Vedder bald ein- und ausging. Durch den Umzug gelangte Vedder ins Epizentrum des Westküsten- Musikbusiness. Die weichen für seine Zukunft - und die der gesamten Rockmusik der Neunziger - wurden jedoch einige hundert Meilen nördlich, in Seattle, gestellt. Fünf Jahre zuvor bestand die Seattle- Szene noch aus einigen wenigen Bands, die in Lagerhäusern oder Kneipen auftraten. Eine davon war die Grunge- Rock- Combo Green River. Zwei Mitglieder sollten später Pearl Jam gründen: der Gitarrist Stone Gossard und der Bassist Jeff Ament. Ament und Gossard machten keinerlei Hehl aus ihren kommerziellen Ambitionen, während der Green River- Sänger Mark Arm, der später zu Modhoney ging, den Mainstream offen verachtete.
Als die Band so nicht mehr funktionieren konnte, stiegen Gossard und Ament aus und gründeten Mother Love Bone, eine schrille Glam- Rockband, die offenbar vom glatten, radiofreundlichen Macho- Rock aus L.A. beeinflußt war, was der Credibility von Pearl Jam in ihrer Anfangszeit schadete. ?Mark Arm gründete die ?coole? Band, Modhoney?, meint jemand, der schon lange im Musikbusiness von Seattle aktiv ist. ?Stone und Jeff gründeten die ?uncoole? Band.? Mother Love Bone bekamen als eine der ersten Seattle- Bands jener Generation einen Plattenvertrag beim Major Polygram. Doch im März 1990, kurz nach dem Erscheinen ihres Debütalbums, starb Sänger Andrew Wood kurz vor einer angesetzten Tour an einer Überdosis.
Bald darauf rekrutierten Gossard und Ament den Gitarristen Mike McCready von der Band Shadow für ihr eigenes Projekt. Wie seine neuen Kollegen fühlte sich auch McCready dem Komerzrock verbunden.

Ende der Achtziger war er mit Shadow nach L.A. gezogen, um dort ein Star zu werden. Doch nur ein Jahr später kehrte die Band unverrichteterdinge nach Seattle zurück und löste sich auf. Desillusioniert gab McCready das Gitarre spielen auf schnitt sich die Haare ab und widmete sich fortan den Lehren Barry Goldwaters, des ultrarechten republikanischen Ex- Senators aus Arizona. Doch dann stieg er bei einer neuen Band wieder als Gitarrist ein. Gossard sah ihn live - und beeindruckt von seiner explosiven Leadgitarre - engagierte er ihn für seine noch namenlosen Band.
Mit dem Soundgarden- Drummer Matt Camaron nahm dieser Pearl- Jam- Prototyp ein paar Instrumentals auf, getragen von Gossards energetischen Gitarrenriffs, aber ohne Sänger. Und so wandte sich die Band an den Ex- Chili- Peppers- Drummer Jack Irons, der ein Sänger vorschlug, den Kiedis & Co. in San Diego kennengelernt hatten: Ein ganz passabler Typ, der als Laufbursche im Bacchanal jobbte und eine eigene Band hatte, Bad Radio. Irons erklärte sich bereit, seinem Freund in San Diego Gossards Demos zu schicken.
Vedder hat mal gesagt, die Texte und Melodielinien zu Gossards Demos zu schreiben, sei ein künstlerischer Wendepunkt für ihn gewesen. ?Plötzlich kamen in mir Sachen hoch, mit denen ich mich vorher nicht befaßt hatte, sagt er dem Rolling Stone 1991. Das, womit er sich ?nicht befaßt? hatte, war etwas, das sich Anfang der 80er Jahre ereignet hatte, als seine Mutter ihm eröffnete, der Mann, den er als entfernten Freund der Familie kannte, sei in Wirklichkeit sein leiblicher Vater - ein Mann, an den sich Vedder schwach als Multiple- Sklerose- Opfer im Krankenhaus erinnert. Er starb, als Vedder 13 war. Vedder sagte, während er Gossards Aufnahmen für einen Song namens ?Dollar Short? hörte, kochten bei ihm lange verdrängte Emotionen hoch. Kurz darauf fiel ihm beim Surfen der Text dazu ein: ?Son, she said/ Have I got a little story for you/ What you thought was your daddy/ Was nothin? but a.../ While you were sittin?/ Home along at age 13/ Your real Daddy was dyin?... Sorry you didn?t see him/ But I?m glad we talked.? Vedder raste zurück in Lieblings Wohnung, wo er den Gesang aufnahm, nannte den Song ?Alive? und schickte das Tape zusammen mit zwei weiteren Titeln nach Seattle.
Vedder wurde nach Seattle eingeladen und die Band fuhr direkt vom Flughafen ins Probestudio. In fünf Tagen schrieben sie 11 Songs. Am sechsten absolvierte man den ersten Club- Auftrag als Mookie Blaylock (den Name eines Spielers der Basketballmannschaft New Jersey Nets).
Kim Warnick, Sängerin/ Bassisten der Fastback und die Königen des Punkrock- Undergrounds von Seattle erinnert sich, daß Mookie Blaylock bei der hippen Grunge Elite der Stadt nicht besonders beliebt war. ?Von Anfang an?, sagt sie, ?wurden sie über ihr Publikum definiert, und das waren nun mal keine Punks. Es waren die ?doofen? Rock- Kids aus der Vorstadt.? Außerdem störte man sich daran, daß die Band mit ihrem Major- Plattenvertrag einen Sänger hatte, der von außerhalb stammte, wo es doch hier so viele Musiker gab, die schon lange vergeblich auf ihren Erfolg warteten.
Doch Vedder gelang es, sich nach dem gleichen Muster wie in San Diego bei der Seattle- Szene einzuschmeicheln. Warnick beispielsweise überhäufte er mit Lob und schrieb ihr sogar zusammen mit Liebling einen Fanbrief. Seitdem sind die Fastbacks bei dirversen Pearl- Jam- Konzerten als Vorgruppe aufgetreten, und Warnick ist eine von Vedders größten Verteidigerinnen geworden. ?Das ist nicht gespielt?, sagt sie über Vedders imagegerechte Melancholie. ?Wenn er mit einem redet, ist es, als wäre man der einzige Mensch im Raum.?

Bei seinem ersten Treffen mit Epic- Bossen war Vedder eher schweigsam. ?Er wirkte irgendwie anders?, sagt jemand aus der Firma. ?Äußerst rätselhaft und charismatisch.? Vedder der sagte wenig und starrte die ganze Zeit auf seinen Schoß. Er vermittelte den Eindruck, als habe er ?keine Ahnung vom Musikbusiness?, sagte ein langjähriger Vertrauter Vedders bei Epic, der verblüfft war, von dessen Vergangenheit in der Musikszene von San Diego zu hören. ?Möglich, daß wir uns alle von ihm an der Nase herumführen ließen?, sagt er.
?Ten?, das Debütalbum der Band, kam im August`91 raus und machte einen Bogen um die Verkaufscharts. Nur einen Monat später veröffentlichten Nirvana ?Nevermind?, und im Januar 1992 war die Platte auf Platz 1 und leitete das Zeitalter des Alternative- Rock ein. Pearl Jam wurden nun von der Welle der Begeisterung für alles, was aus Seattle kam, mit hochgespült. Während Nirvana den Punk für die neunziger neu erfanden, verschmolzen Pearl Jam harten 70er- Jahre- Rock mit intimsten Empfindungen und behandelten so Themen wie Scheidungen, Entfremdung und Wut - mit einem Sänger, der all die dunklen Ängste und die explosive Wut von Millionen junger Menschen auszudrücken vermochte. Bald spielten MTV und das Radio ?Alive? in Heavy Rotation. Von Anfang an war die Band für Skeptiker nur eine niedlichere, MTV- freundlichere Version der durch und durch anarchistischen und gefährlichen Nirvana. Cobain selbst bezeichnete Pearl Jam als ?Fusion aus Kommerz, Alternative- und Macho- Rock? und wollte die Band nicht mit Nirvana in einem Atemzug genannt wissen.
Vedder jedoch schien entschlossen, seine Alternative- Credibility unter Beweis zu stellen. Bereits 1992 bemühte er sich, mittels ?alternativer? Werbeaktionen den Draht zu den Fans aufrechtzuerhalten: Pearl Jam gaben unangekündigte Exclusivkonzerte für Fanclubs; Radiosender durften gratis Liveübertragungen von Konzerten senden; eine Woche, bevor CDs und Kassetten in die Läden kamen, erschienen die neuen Platten auf Vinyl; und Konzertkarten wurden zu ermäßigten Preisen verkauft. In dem Dokumentarfilm ?Hype!? über den kommerziellen Aufstieg der Seattle Szene gibt sich Vedder als Sprachrohr der Grunge- Bewegung: ?Wenn all der Einfluß, den dieser Teil des Landes und diese Musikszene haben, wenn all das keine Konsequenzen hätte, wäre das eine Tragödie.?
Vedder glaubte, er könnte das Business nur ändern, indem er sich dagegen wandte. Er untersagte die Ausstrahlung von Video- Clips, schränkte Pressekontakte drastisch ein und boykottierte so die konventionellen Mittel der Vermarktung. Er hat immer behauptet, diese kommerziell riskanten Schachzüge sollten eine all zu große Öffentlichkeit vermeiden. Doch Insider behaupten, seine Anti- Komerz- Kampagnen entsprängen in Wirklichkeit dem Bedürfnis, die absolute Kontrolle über alle Bereiche des Pearl Jam- Image zu behalten - genauso, wie er es bei Bad Radio getan hatte. Vedder war z. B. erbost, als Teeniemagazine Pin- up- Fotos von ihm veröffentlichte, für die er zuvor posiert hatte - eine der kleinen Demütigungen, die zu seinem Presseboykott führten. Er schäumte vor Wut, als MTV ?Jeremy? immer wieder spielte und den Song dadurch seiner emotionaler Kraft raubte - ein Grund für den Videoboykott. Als Pearl Jam dieses Jahr in der ?Late Show with David Letterman? auftraten, rief Vedder Letterman vorher an und verbat sich, daß der Sender Pearl Jam allzu großspurig ankündigte.
Bei einer Generation, die Werbung und Hypes mißtraut, gelten Vedders Maßnahmen als ultimative antikommerzielle PR- Taktik. `93 verkaufte sich Pearl Jams zweites Album, ?Vs.? In der ersten Woche 950 000 Mal und insgesamt 7,7 Millionen Mal. `94 brachte die Band ?Vitalogy? raus. Die LP verkaufte in der ersten Woche 877 000 Stück, erhielt fünfmal Platin, und ?Corduroy? sowie ?Better Man? laufen seither ständig im Radio.

Dann kam Ticketmaster.

Vielleicht glaubte Vedder, er habe die Macht, der fest etablierten Konzertkartenbranche Paroli zu bieten. Heute gilt der Streit mit Ticketmaster als die größte Niederlage der Band - und ist Beweis dafür, daß Vedder sich zuviel zugetraut hat. Bereits 1992 verlangten Pearl Jam bei einen Benefizkonzert in Seattle, daß die Agentur einen Dollar der Gebühr, die sie für jedes Ticket kassiert, für einen wohltätigen Zweck spenden sollte. Die Agentur willigte ein - und schlug einfach noch einen Dollar auf den Preis auf. Vedder soll wegen diesen Schachzug ausgerastet sein und habe fortan permanent nur über Ticketmaster geredet.
Bei der `94er ?Vitalogy?- Tour versuchte die Band, auf Ticketmaster zu verzichten, konnte aber keine Veranstaltungsorte finden, die nicht einen Exklusivvertrag mit der Firma hatten. Die Tour wurde abgebrochen - Pearl Jam erklärten Ticketmaster den Krieg. ?Sie waren überzeugt, die Konzertlandschaft sei dem Monopolisten hilflos ausgeliefert?, sagt Peter Schniedermeier, Mitarbeiter des ETM Entertainment Networks, der Ticket- Agentur, mit der Pearl Jam bei ihrer `95er Tour zusammen- arbeiteten. ?Sie glaubten, sie seien den Fans diesen Fight schuldig.?
Im Mai 1994 veranlaßte die Band eine gerichtliche Untersuchung der angeblichen Monopolstellung von Ticketmaster. Vor Gericht sagten zwar Ament und Gossard aus, doch Bekannte der Band haben nie bezweifelt, daß es eigentlich Vedders Krieg war. Als man später nach einer alternativen Agentur suchte, war Vedder das einzige Bandmitglied, das beim Treffen mit den ETM- Leuten anwesend war.
Die mit Hilfe der unbedeutenden, noch unerfahrenen Agentur ETM organisierte Sommertournee 1995 stand von ersten Tag an unter einem schlechten Stern. Das Eröffnungskonzert am 16 Juni in Boise/ Idaho mußte abgesagt und nach Caster/ Wyoming, verlegt werden, da der staatliche Veranstalter in Boise für die Zusammenarbeit mit der alternativen Agentur die Zustimmung der Regierung benötigte. Beim zweiten Auftritt in Salt Lake City ging, noch bevor die Band die Bühne betreten hatte, ein eisiger Wolkenbruch nieder. Das Konzert wurde abgesagt, und 12 000 Fans wurden nach Hause geschickt.
Auch die Auftritte in San Diego scheiterten. Sie sollten auf den ?Del Mar Fairgrounds? stattfinden - zeitgleich mit dem alljährlichen Country- Festival. Übereifrige Cops ließen aus Angst, die Festivalbesucher würden von wildgewordenen Rockfans überrannt, beide Konzerte absagen. Beim einwöchigen Hickhack über den Auftrittsort erklärte Pearl Jams- Manager Kelly Curtis, die Band würde, wenn nötig, mit Ticketmaster touren. ?Es wird Zeit, daß die Band endlich das tun kann, was sie am besten kann?, erklärte Curtis, ?nämlich Musik machen und für ihre Fans spielen.? Doch ein paar Tage später rief Vedder stinkwütend einen Radiosender in San Diego an und widersprach Curtis. ?Wenn sich herausstellt, daß die Tour ohne Ticketmaster nicht durchführbar ist?, sagt er, ?dann fahren wir eben nach Haus und machen Platten.?
Der Streit forderte seinen Tribut. Am 24. Juni begab sich Vedder mit Magenproblemen ins Krankenhaus. Am Nachmittag hatte er vor 50 000 Zuschauern im Golden Gate Park in San Francisco auf der Bühne gestanden und nach sieben Songs erklärt: ?Ich habe die schlimmsten 24 Stunden meines Lebens hinter mir.? Damit verließ er die Bühne und kam nicht wieder zurück. Später erzählte er, er habe sich eine Fischvergiftung geholt - doch als Begründung der Absage aller restlichen Tourdaten reichte das nicht aus. Die meisten Konzerte wurden bis Ende `95 nachgeholt, doch der entstandene Schaden war nicht wieder gutzumachen. Die Reaktion der Presse auf den Tourabbruch war vernichtend. ?Obwohl sich die Band ständig als besonders fanfreundlich darstellt?, schrieb der ?Austin American- Statesman?, ?haben Pearl Jam ihr Publikum ganz schön im Regen stehenlassen, wie etwa die 25 000, die mit Mühen Karten für das hiesige Konzert ergattert hatten. Der Ruf der Band ist beschädigt, ihr Mythos angekratzt.?
Der Manager einer anderen großen Rockband zu diesem Thema: ?Der Mehrheit der Fans ist es doch egal, wo das Konzert stattfindet oder wie die Ticketagentur heißt. Sie wollen nur gute Musik hören.? Selbst früherer Verbündete der Band bei der Auseinandersetzung mit Ticketmaster distanzierten sich von Vedder. R.E.M., die Pearl Jam 1994 noch unterstützt hatten, unterschrieben für ihre `95er ?Monster?- Welttournee bei Ticketmaster: ?Mir gefällt Ticketmaster auch nicht, aber anderseits habe ich nicht vor, deshalb nicht mehr auf Tournee zu gehen?, sagt Peter Buck der ?Chicago Tribune?. ?Ich werde nicht meine Band auf Null stellen, nur weil die Gesellschaft nicht so funktioniert, wie ich sie gerne hätte.? Der schlimmste Tag für Pearl Jam war der 5. Juli 1995, als die Untersuchung gegen Ticketmaster in aller Stille eingestellt wurde. Vedder hat sich nie öffentlich dazu geäußert, wirkte aber noch desillusionierter als sonst. Im Februar traten Pearl Jam bei der Grammy- Verleihung zum erstenmal seit zwei Jahren im Fernsehen auf. Als Vedder den Grammy für die beste Hardrock- Performance entgegennahm, dankte er nicht etwa den Fans für ihre Treue, sondern murmelte, diese Ehre ?bedeutet gar nichts?. Vielleicht war das der ungeschickte Versuch, den Rivalitätscharakter solch Preisverleihungen herunterzuspielen. Aber auf einige Zuschauer wirkte es als stereotypes Gelaber eines Rockstars.
Etwa bei den alten Freunden von der High School. ?Ich bin immer wütend auf ihn, wenn ich ihn bei diesen Shows sehe?, sagt ein früherer Mitschüler aus dem Schauspielkurs, ?und wie schrecklich er sich dort darstellt.? ?Ich verstehe nicht, was mit ihm los ist?, meint ein anderer. ?Er wirkt wie einer von Van Halen.? Baccanal- Geschäftsführer Billy Buhrkuhl erkannte den Sänger nicht. ?Vor zehn Jahren hätte niemand gedacht, daß er jemals so etwas sagen würde. Damals war Eddie für alles dankbar.?

Vedders alte Freunde waren natürlich nicht die einzigen, die sein Auftritt irritierte. Die Fans haben es offenbar satt, sich von der Band durch Nicht- Präsenz verprellen zu lassen. ?No Code?, im September veröffentlicht, stieg auf Platz 1 in die Charts ein, sackte jedoch innerhalb von zwei Monaten wieder unter die ersten Zwanzig - eine Schande für eine Band, deren vorherige drei Platten zu den Bestsellern der Dekade gehörten. Außerdem ist es Schade um ein Album, das mit seinem ungeheuer breitem Spektrum von Buddhismus- beeinflußten Gesängen über Glam- Punk- Stücke bis zu melancholischen Balladen das bisher beste und reifste der Band ist. Doch die weigert sich immer noch strikt, ein Video zu drehen, und hat praktisch alle Interviewwünsche abgelehnt. Bei einem Auftritt auf Randalls Island in New York hörte Vedder, der Wind davon bekommen hatte, daß der Rolling Stone seine nebulöse Vergangenheit eruierte, mitten im ?Who You Are? auf und verkündete: ?Ich weiß, wer ich wirklich bin. Das ist eine lange Geschichte, doch zu lang, um in den Rolling Stone zu passen.?
Vedder hat immer behauptet, bei seinem Kampf gegen das Rockbusiness ginge es ihm darum, die Musik zur Hauptsache zu machen. In dem Song ?Off he Goes? auf ?No Code? singt er: ?Nothing?s changed but the surrounding bullshit.? Doch mittlerweile scheint der ?surrounding bullshit? dominierender als die Musik zu sein. Ein Epic- Angestellter meint: ?Die Band schadet sich selbst, wenn sie nicht das tut, was Amerika will. Wenn man eine Tournee mit nur 12 Auftritten macht, dann muß man Videos drehen, um das Land daran zu erinnern, wie man aussieht."
Die Befürchtung, Vedder könne die Band verlassen, ist bei Pearl Jam und ihrem Management stets akut. `94 sagte Manager Curtis auf die Frage, ob Vedder mal einfach abhauen könnte: ?Ich glaube, daran denkt er jeden Tag.? Doch davon will niemand, der mit der Band zu tun hat, etwas hören. ?Pearl Jam ohne Eddie Vedder?, heißt es, ?ist wie Mother Love Bone mit einem totem Sänger.? Derweil zieht es Vedder offenbar wieder zurück zu den Wurzeln. Letztes Jahr tauchte er unerwartet bei der Beerdigung seines alten Schauspiellehrers Clayton Liggett auf. Nach der Zeremonie unterhielt er sich in dessen Haus bis zehn Uhr abends mit ein paar ehemaligen Mitschülern. Und in der letzten Zeit besucht er unangekündigt alte Basketballkumpels aus San Diego, auf die er immer noch wie der ?bodenständige Freund? von früher wirkt. ?Er wollte bloß in den Park gehen, ein bißchen Ball spielen und Bier trinken?, sagt einer. ?Es war irre: Als sei er nie weggewesen.?
Vedder sieht das offenbar anders. ?Wenn ich mit Leuten zusammen bin, die ich vermißt habe?, erzählt er in einem Interview, ?mit denen ich mal befreundet war... komme ich mir vor wie ein Kind, das von Dingos gefressen wird... zerrissen.? Gefangen in sein Ruhm, von der Vergangenheit entfremdet, kann Vedder sich offenbar nur noch auf der Bühne, vor Tausenden von Fans, richtig wohlfühlen. Am 16. September 1996, zwei Tage nach dem lustlosen Auftritt im ?Showbox - Theater?, gibt die Band das erste ihrer große Konzerte in der ?Kay Arena?, einem Ticketmaster Veranstaltungsort, an dem die Band unter der Bedingung Auftritt, daß der Gewinn einer wohltätigen Organisation gespendet wird. Dank Pearl Jams ?alternativen? Kartensystem müssen die Fans aber eine Stunde lang draußen anstehen, damit alle 16 500 Tickets von einem Barcode- Abtaster geprüft werden. Drinnen ist es auch nicht viel besser. Freudlos schuftet sich die Band durch den Set, während Vedder unter einem dornenkronenähnlichen Gebilde wiederholt die Arme zu einer Kreuzigungspose reckt.
Es ist nicht zu übersehen, daß die Menge sich nichts mehr wünscht, als zu ihren liebsten Pearl Jam- Oldies zu moshen. Doch Vedder ist offenbar entschlossen, den Fans keinen Gefallen zu tun. Mit bier-rnsten Ansprachen zwischen den Songs nimmt er die Show jedweden Drive. ?Wir haben keinen Promoter?, verkündigt er etwa. ?Ich würde am liebsten gar nicht darüber reden, aber wir haben alles selbst gemacht.? Bald ist die Musik kaum mehr als Unterhaltung für Vedders Reden, und die Fans sind kaum mehr als ein Auditorium seiner Polemik.
Bis Pearl Jam dann gegen Ende des Konzerts ?Alive? spielen. Da taucht ein Grunger am Bühnenrand auf. Vedder befreit ihn aus den Fängen der Sicherheitsleute und holt ihn auf die Bühne, wo der Fan auf den Hosenboden sackt und dann auf den Rücken kippt. Vedder hockt sich hin und singt den ausgestreckt Darliegenden an: ?You?re still alive!? Plötzlich ist es da - das, worum es laut Vedder in der Musik wirklich gehen soll. Der Fan steht auf und nimmt Anlauf. Als er sich dann vom Bühnenrand wirft und im hohen Bogen in die tobende Menge fliegt, heult Vedder auf. Die Menge rast - und zum ersten Mal seit über ein Jahr springt der Funke über:

Alive.

Verfasser: John Colapinto / Eric Boehlert / Matt Henrickson
Zeitschrift: Rolling Stone Dezember 1996
thx to Annette