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AUSGESCHWIEGEN - Die Rückkehr der Grunge Superstars Pearl Jam

Ein neues Album von Pearl Jam - ist das noch Grund zur Aufregung? Passiert etwas wirklich neues? Und wie! YIELD wurde von der Band unter neuen Vorzeichen eingespielt. Rücksicht nehmen, nachdenken - und sich und anderen und anderen einen Schritt entgegenkommen.

Die Musik von Pearl Jam ist emotionaler, trauriger Rock. Sie hat die Wirkung einer schlechten Nachricht, die ein wenig deprimiert, die einen die Vorhänge zuziehen läßt. Gerade dafür werden sie geliebt.

Schluß mit lustig ist schon lange, vorbei die Zeiten, als Eddie Vedder noch soviel Humor hatte, daß er eine Kinorolle übernahm, in der er den Drummer einer kleinen miesen Band mimte. Sein Auftritt in ´Singles´ ist über sechs Jahre her, das war 1991. Klick: Es ist Winter 1998. Kalte, gerötete Nasen drücken sich in einem saukalten Winter an Schaufenster platt. Hinter der Scheibe bauen sich seit dem 2. Februar Dutzende von CDs auf. YIELD steht auf dem Schild, Pearl Jam heißt die Band. Mittlerweile, so beschleicht einen das Gefühl, ist es egal, was für Musik auf dem Album ist. Pearl Jam, das ist ein Markenname. Und seit es ein Markenname ist, achtet niemand mehr darauf, ob tatsächlich noch ein Vulkan ausbricht oder nur ein wenig Lava über den Rand schwappt. Ihre erste Single ´Alive´ hatte die ungestüme Energie des Vesuvs. Möglicherweise waren sie mit der richtigen Musik zur rechten Zeit am rechten Ort. Sie wollten vielleicht nur bescheiden den Grundstein legen, doch der große Erfolg ihres Depütalbums TEN brachte ihnen Kultstatus ein, den sie nach ihrem zweiten Werk VS. konsequent wieder zerstören wollten; unkommerziell zu sein, das war ihr Ziel.

Nicht zuletzt der Selbstmord von Kurt Cobain 1994 ließ Vedder beharrlich auf seiner Introvertiert-Schiene weiterfahren. Am liebsten wolle er mit seiner damaligen Freundin und jetzigen Ehefrau Beth Liebling in einer Höhle leben, sagte er einmal. Der Satz blieb kleben, er drückte aus, daß Vedder Angst hatte, ein weiteres Hype-Opfer zu werden. Andererseits erzählte er nach Cobains Tod häufig von seiner eigenen miesen Kindheit und seinem Außenseiterdasein. Das US-Magazin ´Rolling Stone´ deckte jedoch durch Recherchen in Vedders Umfeld auf, daß dieser viel eher der Stolz der Familie und ein ganz normaler Jugendlicher mit vielen Freunden war. Vedder äußert sich auch heute dazu nur insofern, als daß er seine Eigenverantwortlichkeit in den Anfangstagen unterstreicht. Er sagt weder , daß dieser Artikel stimmt, noch, daß er gelogen sei. Das Image, das er seitdem angenommen hat, besteht aus den beiden Komponenten keine Öffentlichkeit und kein Aufruhr. Es schien, daß Vedder die Menschen, die Presse für das Ausbrennen des Musiker-Kollegen verantwortlich machte. Zeitweise glich er einem Michael Jackson, der sich kaum mehr aus seinem Sauerstoffzelt traut.

Was seine Fans erwarteten, war für Eddie Vedder nicht relevant. Es gab alle zwei Jahre ein neues Album, das war sein Beitrag. "Wir wollten einfach ein Leben haben und uns darüber freuen können, daß wir eine Band sind, Alben aufnehmen und Konzerte geben", sagt er heute. Diesmal hat sich einiges geändert, wenn man es vielleicht auch beim ersten Mal hören nicht gleich so empfindet. Wie sagte Metallicas Lars Ulrich jüngst im Interview: "Man muß etwas selbstsüchtiger werden und wieder mehr für sich selbst spielen." Der Gedanke schwebte auch in den Hirnen von Vedder & Co. Eine richtige Ideen-Flut hat die Mitglieder von Pearl Jam vor den Aufnahmen zu YIELD überschwemmt - und auf die Füße zurückgeworfen.

So kam es, daß jeder noch vor der erste n Session zu Hause für sich werkelte. Bassist Jeff Ament: "Eddie meinte, wenn wir wollen können wir mit eigenen Songs anrücken. Wir kamen alle mit fertigen Tapes ins Studio, das war wie der Tag des Jüngsten Gerichts", erklärt er seine Aufregung, die Stücke zu präsentieren. Auch Gitarrist Mike McCready zeigt sich mächtig stolz: "Ich habe noch nie für ein Album, sieht man von Mad Season (seinem Nebenprojekt - Anm. d. Red.) ab, so viele Ideen gehabt, und Ed mochte sie. Er hat seine Vocals drüber gesungen und das bedeutete ziemlich sicher, daß diese Sachen auf der Platte sind. ´Given To Fly´ und ´In Hiding´ sind entstanden, als es hier vier Tage geschneit hat und ich in meinem Haus festsaß. Ich habe sie erstmal nur mit der Gitarre gespielt. Später bin ich mit einem Drummer ins Studio, um ein Demo daraus zu machen."

Der Eröffnungssong ´Brain Of J´ ist bereits zwei Jahre alt. McCready: "Ich finde, es geht in Richtung Punk und ist stark durch Jack an den Drums beeinflußt, weil er einen Song sehr unmittelbar und direkt spielen kann. Wir haben ´Brain Of J´vor Ewigkeiten aufgenommen, ihn ein paar Mal live gespielt und dann ruhen lassen, dadurch ist der Song gereift". Man gönnte sich also den Luxus, sich Zeit zu lassen und jeden einzubeziehen. Nachdem das Material gesichtet und sortiert war, gingen die Bandmitglieder wieder ihrer Wege, um an Teilen der Songs zu arbeiten. "Wir haben früher viel gejamt, dabei kamen auch viele coole Sachen raus, aber wenn du so neue Songs arrangierst, dann tendierst du zum Vereinheitlichen, weil keiner kommt und was ganz Neues machen will. Bei uns lief das eine ganze Zeit so und hat auch funktioniert, denn letztlich gab es immer ein Tape von den Sessions, dann bearbeitete es Eddie, wir gingen nochmal ins Studiound haben die Sachen eingespielt." Von dieser ´Eddie wird´s schon machen´-Menatlität hat man sich diesmal verabschiedet. Und nicht nur davon. Jeff Ament zieht das wichtigste Fazit: "Der wesentliche Punkt dieses Albums ist, daß wir Leerzeilen im Sinne von Freiräumen gelassen haben. Bisher haben immer Stone Gossards Riffs den Song vorwärts getrieben." Und an dieser Entwicklung hat Eddie Vedders guter Freund Neill Young Anteil. Der Altmeister sagte einmal, daß das Geheimnis von Pearl Jam darin liege, mit den Instrumenten auch schweigen zu können. "Als er das sagte, dachten wir, wow, das ist es, so müssen wir vorgehen. Uns war das bis dahin nicht bewußt." So kreierte Neil Young im Geiste das Album mit - und weiß es warscheinlich noch nicht mal.

Wie sich diese Thesen in der Praxis anhören, ist auf ´Evolution´ und ´No Way´ nachzuhören. Ament: "Das sind zwei meiner Lieblingslieder der Platte, obwohl ich bei beiden nicht mitspiele. Vor drei, vier Jahren wäre ich einfach beleidigt gewesen keine Teil des Tracks zu sein. Das ist neu: Ich kann Dinge anderen überlassen und stelle mein Ego nicht vornan. Das heißt, jemand anderen einen Song schreiben lassen zu können und zu sagen: ´Hey, wenn ich das machen kann, sag Bescheid." Das ist ein ziemlich cooler Abschied von der Egomanie. Dem Geltungsbedürfnis die Tür aufmachen, ihm mit dem roten Tuch nachwinken und sich entspannt in den Sessel setzen. Die Ego-Frage ist besonders bei Frontmann Eddie die, die immer wieder aufgeworfen wird. Ist er der große Diktator im Hintergrund, der - bisher - immer gesagt hat, wo es lang geht? Es ist schwer vorstellbar bei dem unveränderte introvertierten Eindruck, den der Bandleader macht. Denn Rummel, Star zu sein, das geht Vedder immer noch gegen den Strich, als sei es die Pest von gestern, heute und übermorgen: "Ich bin erwachsen geworden. Gut, ich bin immer noch die gleiche Person. Ich habe mich nicht total verändert, aber ich habe dazu gelernt. Ich war nicht auf dem College, aber ich habe sehr früh das Arbeiten angefangen, und habe dadurch gelernt. Gelernt und zugehört, die Musik hat mich ausgebildet. Ich will Platten machen, immer wieder, immer besser und hoffentlich irgendwann einmal damit zufrieden sein. Wir haben das, was wir tun, etabliert und wir werden es nicht verteidigen, was wir tun. Wenn es jemand nicht mag, fuck it. Ich habe keine Zeit, mir das anzuhören. Ich mache mit meinem Leben etwas Gutes."

Ament konkretisiert die negativen Erfahrungen als Kultstars: "Leute sagen ´Hey, ich bin dein Freund!´ und ein Jahr später findest du heraus, daß sie Geschichten über dich sammeln, um ein Buch darüber zu schreiben. Das ist hart." Die Reaktion der Band war Verschlossenheit, es gab keine Fotos, keine Interviews, sie hatten den unbeugsamen Willen, alles zu kontrollieren. Gossard: "Ich persönlich versuche jetzt ein wenig zu bremsen, eben nicht alles zu kontrollieren. Die Leute denken, was sie denken wollen und sie sagen, was sie sagen wollen. Das bedeutet, daß man die Dinge nur bis zu einem gewissen Grad kontrollieren kann. Manche Dinge, die wir vor einem oder zwei Jahren einfach nicht gemacht hätten, tun wir jetzt wieder, zum Beispiel fünf Stunden in einem Fotostudio stehen, damit es neue Bilder gibt. Wir wollen einfach eine Balance finden, ich bin jetzt mehr auf der Linie zu sagen ´Laßt es uns einfach machen´. Denn Dinge nicht zu tun, kann genauso viel Kopfschmerzen bereiten wie eben das zu tun, was erwartet wird." Was lange währt, wird jetzt in allen Bereichen gut. Denn das Gleiche gilt für Live-Auftritte. "Ich hatte immer gehofft, daß man nicht gleich durch die ganze Welt touren muß, wenn man ein Album veröffentlicht hat. Ich finde Alben wichtig, weil sie für jeden da sind, wann immer er will", erklärt Eddie seine Haltung. "Sie sind ein unverbindliches Angebot. Wenn du live spielst, bist du anders gefordert."

Und genau deshalb wollten sie es nicht übertreiben mit Gigs, nicht am Fließband auftreten. "Aber mit dieser Platte werden wir touren. In den Staaten sind 40 bis 50 Gigs geplant, in Australien vielleicht 15. Dadurch, daß wir uns in der Vergangenheit nicht gezwungen haben, nach einer Platte auf Tour zu gehen, konnten wir uns entspannt zu neuen Aufnahmen durchdringen, weil wir wußten, dahinter schwebt nicht 18 Monate on the road, denn wir wollten das nicht. Wir haben andere Prioritäten gesetzt, wenn man vergleicht, daß wir mit unserem ersten Album TEN 200 Gigs in einem Jahr spielten. Ich glaube, nach 40, 50 Shows lieferst du keinen besonders guten Auftritt mehr ab" so Gossard.

McCready hat es schon länger in den Fingern gejuckt. " Ich hatte schon Schiß, daß wir enden wie die Beatles. Ich bin froh, daß wir nicht für immer aufgehört haben zu touren. Es ist unbeschreiblich, rauszugehen, mit dem Publikum zu sprechen und mit einer Gitarre um den Hals über die Bühne zu rennen.Ich möchte nicht nur im Studio sein. Außerdem will ich Eddie auf der Bühne sehen. Er erschreckt mich, er ist so intensiv, er ist sensationell!" Trotz langer Tour-Pause wird es keine Schwächen geben, meint Gossard, denn "wenn du älter wirst, fällt es dir leichter, schnell wieder zusammenzufinden und gut zu spielen. Wir haben uns aufeinander eingespielt, speziell was Jack angeht." Wieder etwas Neues.

Nicht Eddie Vedder wird diesmal besonders hervorgehoben, sondern die Mitmusiker sind voll des Lobes für Drummer Jack Irons, der früher bei den Red Hot Chili Peppers trommelte und 1994 zur Band kam. Gossard: " Jack hat schon in genug Bands gespielt, um zu wissen, daß es um den Groove geht. Er nimmt den simpelsten Baustein, der nötig ist, dann beginnt er zu subtrahieren, zu addieren und zu akzentuieren. Es ist eine Freude, zur Probe zu kommen und ihn zu sehen. Er sitzt schon da und ist bereit. Er hört sich deinen Part an, wann immer du willst. Er ist sensibel und sehr gefühlsorientiert. Auf dem letzten Album VITALOGY war er gerade mal sechs Monate in der Band, wir haben nicht sehr viel zusammen geprobt. Das, was man jetzt auf YIELD hört, ist einen wirklich großen Schritt davon entfernt, es zeigt sehr deutlich, was Jack der Band geben kann." Auch der Bassist Jeff nimmt sofort das Adjektiv "gefühlvoll" in den Mund, wenn er von Jack Irons spricht: "Durch Jack habe ich viel über meine Art und Weise zu spielen nachgedacht. Ich glaube, es kommt bei ihm einfach von innen heraus. Im Proberaumfängt er manchmal an, irgendwas völlig Verrücktes zu spielen - und jeder stimmt ein. Durch ihn habe ich das Gefühl ganz anders an die Songs ranzugehen und das macht es für mich wieder aufregend, am Bass zu stehen." Damit des Lobes nicht genug. Für Ament bedeutet es, daß der "neue" Drummer den ganzen Pearl Jam-Sound in ein völlig neues Kleid steckt: Er gibt den alten Songs viel mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Zum Beispiel ´Evenflow´, das war mit Sicherheit der beste Song unseres ersten Albums, aber wir haben ihn nicht vernünftig hingekriegt. Als Jack ihn spielte, hatten ich das Gefühl ´Hey, so hätte das klingen müssen´."

Und dann kam zu Pearl Jam noch etwas ganz Ungewohntes zurück: So wie sie über sich als Band und die neuen Songs sprechen, zeigt sich eine gewisse Gelassenheit. Man sieht nicht unweigerlichdas Quintett vor sich, das als unverwechselbares Kennzeichen die Stirn in Runzeln legt, immer darauf bedacht, ernsthaft und perfekt zu sein, aber niemanden auch nur einen Zentimeter zu nah an sich heran lassen. Wenn man es banal ausdrückt, könnte man den abgenudelten Slogan "Think positive" hernehmen. Denn Pearl Jam können auch mal lächeln, sogar über sich selbst: "Wenn man über sich selbst lachen kann, macht es die Sache um einiges einfacher. Du stehst auf der Bühne, bist diese Rockband, die schon überall war und trotzdem ist ein Gig großartig und der nächste nicht so geil. Du versuchst das einfach aus einem neuen Blickwinkel zu sehen", erklärt Gossard.

Und schließlich gibt es noch andere Dinge auf dieser Welt außer der Band. So hat Gossard drei Sommer lang in einem Indianerreservat gearbeitet. "Du schläfst in einem zelt in South Dakota. Die Landschaft ist wundervoll, und du arbeitest dir den Arsch ab, deckst Dächer und machst elektrische Anschlüsse. Wenn du damit fertig bist, fühlst du dich klasse."

YIELD heißt Vorfahrt gewähren. Bei Pearl Jam heißt das vielleicht "Rechts vor Links", die Verkehrsregelung, die die größte Umsicht und Rücksicht benötigt. Ein Miteinander. Das scheinen Pearl Jam für die Jahrtausendwende zu ihrem Motto gemacht zu haben.

Das Interview führte Dave Marsch (Bearbeitung: Claudia Nitsche) entnommen aus der Musikzeitschrift ´Hammer´ Nr. 3/1998 umgesetzt von Michael Vogel