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Das Ende der Auszeit

Die Kurzlebigkeit der Trends hat es vollbracht, daß eine Band die vor einer halben Dekade noch zu den Innovatoren eines wenig, revolutionären, aber äußerst verkaufsträchtigen Genres namens Grunge gezählt wurde, heute schon ein lebender Dinosaurier ist. Satt und faul sind die alten Seattle- Helden aber noch lange nicht.

Ganz im Gegenteil: "Yield" ist das erste Pearl Jam- Album, das allen Mitgliedern die Möglichkeit gibt, ihre Kreativität zu entfalten, anstatt auf mehr oder minder überflüssige Side- Projekte wie Mad Season, Three Fish oder Brad zurückgreifen zu müssen. Chef- Mimose Eddie Vedder gab seinen Mannen nach dem letzten Album "No Code" nämlich überraschenderweise das Okay, mit eigenen Stücken im Übungsraum aufzutauchen.

"Die anderen kamen schon immer mit Ideen an, meistens mit Riffs. Mein Job war es, etwas aus diesen Schnipseln zu machen. Ich liebte diese Vorgehensweise, erreichte aber irgendwann den Punkt, wo ich nicht mehr so recht damit zufrieden war. Als wir die neue Scheibe in Angriff nahmen, lieferte mir der Rest der Band plötzlich völlig fertige Stücke. Bass, Drums, Gitarren, Gesang, Texte, Backings - alles war bereits bis ins Detail ausgearbeitet."

"Ich habe auch früher schon Demos aufgenommen", ergänzt Bassist Jeff Ament. "Es fehlte mir jedoch der Mut, sie den anderen vorzuspielen. Wenn du mit Stone und Mike zwei fantastische Gitarristen und einen beeindruckenden Texter und Sänger wie Eddie in der Band hast, fühlst du dich beim Einlegen eines Tapes mit Songs, die du selbst geschrieben hast wie vor dem jüngsten Gericht. Als die anderen dann völlig ausflippten und meine Ideen wirklich mochten, war ich total perplex." "Jeff hat sein Selbstbewußtsein zurückgewonnen", lobt Gitarrist Stone Gossard seinen Kollegen. "Und Mike McCready kam sogar mit zwei der wohl besten Tracks des ganzen Albums an, 'Given To Fly' und 'Faithful'."

"Ich schrieb die Stücke, als ich einige Tage in meinem Haus eingeschneit war", erklärt der gebauchpinselte Klampfer. "Von meinem Nebenprojekt Mad Season mal abgesehen, habe ich noch nie soviel zu einer Platte beigesteuert. Ich kam mit 'ner Menge Ideen an, und Eddie fand sie klasse. Wenn er erst mal anfängt, Gesangsmelodien über einen Song zu packen, kann man ziemlich sicher davon ausgehen, daß er das Stück akzeptiert hat. 'Brain Of J' (der fulminante Album- Opener und ebenfalls eine Mike McCready Komposition d. Verf.) ist übrigens bereits ein paar Jahre alt. Wir hatten das Stück schon einmal aufgenommen, aber mit Jack Irons (Nachfolger von Dave Abbruzzese - d. Verf.) an den Drums klingt es einfach intensiver. Der Song ist ziemlich heavy und hat ein sehr ausgeprägtes Punk- Feeling." Mit Begriffen wie "Alternative Rock" konnte Mike eh noch nie viel anfangen.

"Ich habe definitiv einen Metal- und Hardrock- Background. "Alternative" war für mich immer nur ein Label, das sich Leute ausdachten, um Songs ins Radio zu bringen. Ich bin viel mehr von AC/DC beeinflußt, mit der alten Schule aufgewachsen und höre mir diese Sachen auch heute noch an. Das sogenannte Alternative Zeugs interessiert mich nicht die Bohne." Dennoch rockt "Yield" keineswegs von vorne bis hinten. Im Gegenteil: Die für die Band wichtigste Neuerung ist die auf dem Papier etwas ominöse klingende "Kunst der Zurückhaltung".

"Auf den früheren Platten waren Stones- Riffs ständig präsent", erklärt Jeff. "Sie hielten die Songs Quasi in Bewegung. Jetzt haben wir Parts in den Stücken, bei denen einige von uns überhaupt nicht spielen. Dazu braucht man allerdings ein nicht gerade geringes Selbstvertrauen. Es ist wie in jeder Beziehung, man muß manchmal auch zurückstecken können. Auf 'No Way' und 'Evolution' habe ich überhaupt nicht gespielt, und ausgerechnet diese Tracks sind zwei meiner Lieblingsstücke. Vor drei oder vier Jahren hätte ich das niemals zugegeben."

"Wir haben diesmal viele Pausen zwischen den Aufnahme- Session gemacht. Dadurch sahen wir unser Material aus einer ganz anderen Perspektive", meldet sich Drummer Jack Irons erstmals zu Wort, der übrigens schon 1990 auf der Wunschliste der damals Sänger und Schlagzeug losen Band stand. Er wollte zu dem Zeitpunkt seine Gruppe Eleven nicht verlassen, vermittelte Pearl Jam aber Frontmann Eddie Vedder. "Wir waren viel lockerer als bei einer Produktion, die innerhalb von sechs Wochen im Kasten sein muß. Es kam aber auch vor, daß bereits der erste Take der beste war. Das passierte uns z.B. bei 'In Hiding'." "Ich will, daß wir immer besser werden", schließt sich Eddie an. "Und ich möchte auf unsere Platten stolz sein. Wir werden uns allerdings nie für das verteidigen, was wir tun. Wenn uns jemand nicht mag, soll er sich doch verpissen. Ich habe keinen Bock, mir blödes Gequatsche anzuhören."

Das sind klare Worte von jemandem, der sich in den letzten Jahren den Ruf eines sensiblen Eigenbrötlers zugelegt hat. Vedder hinterließ den Eindruck eines emotionalen Weicheis, das partout nicht mit Ruhm und hohem Kontostand klarkommen wollte. Inzwischen hat sich der Frontmann jedoch scheinbar gefangen.

"Ich möchte einfach Musik machen, und ich habe die Möglichkeit, dies über einen langen Zeitraum zu tun und das Ergebnis vielen Leuten vorzustellen. Auf welchen Verkaufslevel dies geschieht, ist eigentlich relativ unwichtig. Der absolute Popularitätshöhepunkt kann schnell zum persönlichen Tiefpunkt werden. Ich bin im laufe der Zeit erwachsener und klüger geworden. Auf einem College war ich nie, und ich habe nicht mal die High School anständig abgeschlossen. Aber ich fing schon früh an zu arbeiten und somit fürs Leben zu lernen."

"Wenn man mitten in diesem ganzen Wirbel steckt, merkt man garnicht, das man sich unwohl fühlt", ergänzt Stone. "Wir wollten ständig besser werden, um zu beweisen, daß wir unseren Erfolg wirklich verdienen. Allerdings funktionierte parallel dazu die Kommunikation innerhalb der Band nicht mehr so gut. Wir sind ein bißchen durch Feuer gegangen und haben gemerkt, daß wir auch viel Spaß haben können, wenn wir ein paar weniger Sachen verkaufen."

Jeff: "Es war uns wichtig, die Kontrolle zu behalten. Wir brauchten eine Auszeit, um wieder zu uns selbst zu finden und neu motiviert zu werden. Daher lehnten wir für eine Weile sämtliche Touren und Interviews ab. Inzwischen können wir damit aber besser umgehen (deswegen habt ihr auch ganzen zwei (!) deutschen Journalisten Interviews gegeben...Red.). Wir wissen, daß eine mehrmonatige Tour durchaus klasse sein kann, wenn man danach die Möglichkeit hat, eine Zeitlang abzuschalten." "Dazu kommt, daß es schlicht Spaß macht, mit einer Gitarre über die Bühne zu rennen", schließt sich Mike das Thema ab. "Das ist eine ganz andere Welt, als im Studio zu arbeiten. Ich sah uns schon als eine dieser Truppen, die nur noch Platten machen und nie touren."

Woran der Streit mit dem US- Konzern Ticketmaster nicht ganz unschuldig ist. Pearl Jam waren die erste große Band, die sich mit dem Monopolisten, der landesweit die Konzertpreise kontrolliert, anlegte, auch wenn sie zum Schluß nicht als Sieger aus der Aktion hervorgingen und die Fans nicht selten arge Schwierigkeiten hatten, überhaupt an Eintittskarten zu gelangen. "Es gibt inzwischen Städte, in denen wir an Ticketmaster vorbeikommen", stellt Mike klar. "Das wäre vor drei Jahren noch unmöglich gewesen."

Eddie: "Wir wollten einfach Fairneß und nahmen uns das Recht heraus, Ticketmaster zu boykottieren. Das Problem betrifft auch keineswegs nur die Ticketpreise. Wenn du die Mitglieder einer Band, mit der du auftrittst, fragst, wieviel ihre Shirts am Merchandise- Stand kosten, antworten sie meist, daß sie es nicht wüßten und höchstens 'ne Ahnung hätten, wie hoch ihre prozentuale Beteiligung sei. Manchmal sind diese Leute regelrecht schockiert, wenn sie erfahren, was ihre Shirts die Fans tatsächlich kosten."

"Die Aktion mit Ticketmaster war keineswegs eine negative Erfahrung für uns", fügt Stone hinzu. "Wir haben hoffentlich einigen Leuten die Augen geöffnet. Ticketmaster ist aber immer noch eine mächtige Company und hat die Eintrittspreise in vielen Städten nach wie vor unter Kontrolle. Bei uns spielte z.B. vor einem halben Jahr die Jon Spencer Blues Explosion. Die Show sollte zehn Dollar Eintritt kosten, und Ticketmaster knallten einfach eine Bearbeitungsgebühr von fünf Dollar pro Karte drauf. Der Laden war recht klein und die angekündigten zehn Dollar nicht viel Geld. Es war also abzusehen, daß der Club ausverkauft sein würde. Also sagten sich Ticketmaster: Warum nicht fünf Dollar mehr einsacken? Ticketmaster berechnen dir sogar zwei oder drei Dollar, wenn du ins Holocaust- Museum gehen möchtest, für das der Eintritt eigentlich frei sein sollte. Ihre moralischen Werte sind wirklich nicht sehr ausgeprägt."

Verfasser: Jan Jaedike
(Auf der Grundlage eines Interviews von Dave Marsh für Epic Records)
Zeitschrift: Rock Hard März 1998
thx to Annette