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Für mich zählen die Platten

Daß 1991 alle Augen nach Seattle blickten und Grunge geboren wurde, hatte bekanntermaßen nicht nur etwas mit Nirvana zu tun. Neben dem immer wieder beschworenen Genie von Kurt Cobain und einer Schar weiterer Seattle- Bands wie Soundgarden oder Alice In Chains hatte die graue Stadt im US- Staat Washington auch ein weiteres musikalisches Phänomen hervorgebracht, das sich, obwohl Nirvana- ähnlich hart, als ein klein wenig kommerzieller und eher mainstreamkompatibel erweisen sollte: Pearl Jam.

Von all den rotzigen Langhaarigen, die in dieser Zeit aus dem amerikanischen Norden die Welt überrollten, waren Pearl Jam jedenfalls dank des Bezugs auf klassischen Ami- Bands wie Stooges, Doors, Velvet Underground oder M15 und einer melodischeren Herangehensweise am ehesten die, mit denen sich die weißen Mittelstands- Kids identifizieren konnten, die sich von den Cobainschen Drogenskandalen abgestoßen fühlten. Pearl Jam waren von Anfang an political correct, die Band des kleinen Mannes, die Jungs von Nebenan, die keinen Starrummel wollten und einen riesigen Streit mit der führenden Konzertkartenagentur in den USA anfingen, damit ihre Tickets weiterhin für jedermann erschwinglich bleiben sollten. Sänger Eddie Vedder, machte zudem nicht auf Rockstar- Macho, sondern ließ die empfindsame Seele nicht nur in Songs, sondern auch in Interviews durchblicken. Obwohl oberflächlich betrachtet zahmer als viele Kollegen, brachten Pearl Jam gerade die große Stärke des Grunge, nämlich die gequälte Seele der Lost Generation mit emotionaler Gitarrenhärte zu kombinieren, besonders deutlich zum Vorschein. So gesehen war es eigentlich keine Überraschung, daß ihr Debütalbum "Ten", das im August 1991 erschien, gleich auf Platz zwei der LP- Charts schoß.

Den nachfolgenden Alben war ähnlicher Erfolg beschieden. Vedder haderte allerdings vor allem nach dem Tod Cobains mit dem Status, den er selbst dadurch erhielt und gebärdete sich als ausgesprochen medienscheu und zurückgezogen; Pearl Jam machten deutlich, daß sie keine Lust hatten, den Tour- Album- Tour- Album- Kreislauf brav mitzuspielen. Es gab Konzerte, es gab Tourneen, aber nicht im üblichen Maß; statt dessen folgten einzelne TV- Auftritte, Sonderveröffentlichungen für den Fanclub, isolierte Aktionen der einzelnen Musiker. Rhythmusgitarrist Stone Gossard leistete sich das Nebenprojekt Brad, und Leadgitarrenschwinger Mike McCready spielte zusammen mit Kollegen von Alice In Chains und den Screaming Trees als Mad Season ebenfalls ein Album ein.

Nun steht die Veröffentlichung des mittlerweile fünften Albums "Yield" ins Haus, einem gereiften Werk, das stellenweise überraschend ruhig daherkommt und bei aller gelegentlich auftretenden Gitarrenhärte vor allem auf feste Songstrukturen und eher melodischen Zusammenhalt setzt. Und diesmal waren Pearl Jam auch zusammen bereit, ein wenig über die hinter ihnen liegende Zeit zu sprechen.

"Ich dachte, man muß sich das alles nicht geben", meint Eddie Vedder über die Rockstar- Maschinerie, die nirgendwo so gut geschmiert läuft wie in seiner Heimat. "Für mich zählen die Platten. Platten sind immer da, zu jeder Zeit, wann immer die Fans sie wollen, für jeden, für jede Stimmung.

Es ist okay, wenn man Konzerte gibt nach den Alben, ein paar eben nur, ein paar in den USA, ein paar sonstwo in der Welt. Vielleicht zwei Blocks von je fünf Wochen. Nicht so wie Henry Rollins oder Mike Watts. Das ist bewundernswert, was ganz anderes halt, aber für uns hätte das einfach nicht funktioniert - da wäre irgendein Unglück passiert. Und damit meine ich nicht, daß wir die Band aufgelöst hätten. Nein, es hätte eher jemand diese Erde verlassen. Oder seinen Verstand verloren." Dabei scheint es momentan um Pearl Jam gut bestellt zu sein, was die allgemeine Verfassung betrifft. Drummer Jack Irons, der für das 1995 erscheinende Album "No Code" anstelle von Dave Abbruzzese dazukam, ergänzt den Sound nach die persönliche Struktur der Band einfach ideal, wie alle Altmitglieder einhellig feststellen.

"Es macht einfach Spaß, wenn man sich zu einer Probe trifft und er da ist", erklärt Stone Gossard. "Er ist immer einsatzbereit. Er hat immer ein Ohr für das, was die anderen spielen. Die Zusammenarbeit klappt einfach bestens. Er ist einfach ein sensibler und freundlicher Typ, der super Drums spielt. Man kann deutlich hören, wieviel besser sein Spiel auf dieser Platte ist, verglichen mit der letzten.

Ich glaube, bei der ersten Platte, die wir zusammen gemacht haben, ist ein definierter Bruch in unseren Sound spürbar. Wir wußten, daß wir diese Platte einfach machen mußten, obwohl sie anders werden würde als vorher; Jack war gerade erst sechs Monate in der Band. Das war nicht sehr lange, und wir hatten nicht so viel zusammen gespielt. Wir stellten uns einfach hin, warfen alles, was wir hatten, in ein Topf, mixten es zusammen, und das war auch okay so. Aber ich bin sicher, daß dieses Album jetzt wesentlich symbolischer oder repräsentativer für das ist, was Jack langfristig zu dieser Band beitragen kann."

Jack Irons war, als er vor zwei Jahren dazustieß, schon ein alter Bekannter, den Stone Gossard und Bassist Jeff Ament, die Gründer der Band, bereits 1990 gefragt hatten, ob er nicht Lust hätte, mit ihnen zu spielen. Damals spielte Jack bei Eleven und war von daher gebunden, aber als ihn die beiden nach einem fähigen Sänger fragten, empfahl er einen guten Freund - Eddie Vedder. Seit damals blieb man in Kontakt; als Dave Abbruzzese seinen Hut nahm, war Jack von daher eine logische Wahl.

"Was ich an Pearl Jam so bemerkenswert finde", meint er, "ist, daß der Bandgedanke wirklich alles durchdringt. Es ist ein Kollektiv, ohne das ganze Drama, was man in einer Rockband erwarten könnte. Es ist für mich sehr wichtig, Beziehungen zu Leuten zu haben, mit denen man sich versteht, mit denen man kommunizieren kann. Da ist immer diese eine Sache, die alle teilen: Wir wollen Musik machen, wir wollen, daß die Songs gut klingen, und es macht Spaß mit den anderen zusammen zu sein. Wenn wir uns treffen ist das einfach immer ziemlich witzig. Auf der Bühne ist es aufgrund der Situation etwas ernsthafter, klar, aber es steckt noch immer sehr viel Humor mit drin. Außerdem kann jeder seine Meinung sagen, da wird niemand unterdrückt. Es ist einfach eine Freundschaft, eine Gruppe Leute, die Musik machen und dabei Spaß haben."

Besonders Bassist Jeff Ament genießt Irons' Anwesenheit. "Sowohl in der Zusammenarbeit als auch musikalisch ist das jetzt alles lockerer. Wir reden viel mehr miteinander, bringen kontroverse Dinge zur Sprache, streiten uns. Wenn es ein Problem gibt, dann geht Jack das sofort an. Früher war das eher so, daß wir versucht haben, Situationen zu überspielen, und dann ging jeder vorsichtig auf dünnen Eis, um irgendein Thema bloß nicht zu berühren. Das läßt Jack jetzt einfach nicht zu. Und musikalisch ist er schlicht phänomenal."

Die lockere Atmosphäre, die sich nach "No Code" langsam entwickelte, beeinflußte auch das Songwriting für das neue Album maßgeblich. Vorher war es vor allem Eddie Vedder gewesen, der sich um das Material gekümmert hatte. Zwar waren schon immer Ideen von der gesamten Band gekommen, aber letzten Endes hatte Eddie die einzelnen Ideen überarbeitet, zusammengefügt und schließlich Pearl Jam- geeignet gemacht. Das war diesmal anders: "Keine Ahnung, wie das eigentlich lief ", überlegte Eddie. "Es kam total plötzlich. Wir trafen uns letztes Jahr, und ich bekam Songs in die Hand gedrückt. Komplett fertig. Mit Baß, Drums, Gitarren, Gesang, Text, Background. Das hat mich umgehauen. Ich denke, nach gewisser Zeit muß man einfach daran arbeiten. Wenn ich zu Hause sitze und an einem Song schreibe, und der Text oder irgendwas anderes kommt mir nicht sofort, dann lasse ich das erstmal liegen und spiele irgendwas anderes. Aber wenn dir jemand einen Song gibt, auf den er wirklich stolz ist, und es fällt dir zunächst mal nichts gutes ein, dann mußt du dich wirklich darum bemühen, daß du etwas findest. Das ist ein bißchen schwieriger." Hausaufgabe machen, sagt Vedder dazu.

Statt wie früher die reine Inspiration walten zu lassen, ist jetzt einfach mehr harte Arbeit im Spiel. Die Ergebnisse stellten ihn allerdings wesentlich mehr zufrieden, als das zuvor oft der Fall war: "Als Jack und ich mit Jeff zusammen zum ersten Mal 'Low Light' gespielt habe, sang ich nur zu Gitarre und Drums und bekam eine richtige Gänsehaut. Zum Teil, weil ich wußte, daß Jeff den Song geschrieben hatte. Es klang toll. Und mir machte der Titel einfach Spaß. Er hört sich ein bißchen lieb und nett an, aber es war ein toller Augenblick." Jeff Ament war diese Erfahrung enormes Selbstbewußtsein. Für ihn war es das erste Mal, daß er nicht nur einzelne Ideen, sondern ganze Songs mit einbrachte, und am Anfang fiel ihm das nicht leicht: "Ich habe in den letzten zwei Jahren einige Demos gemacht, aber ich hatte nie den Mut, irgendwas davon der Band vorzuspielen. Ed hat uns dann sehr ermutigt. Er sagte, 'Hey, wenn irgendeiner von euch mit einem fertigen Titel ankommt, wenn wir das nächste Album vorbereiten, das wäre super'. Das hat mir wirklich Auftrieb gegeben. Aber es war trotzdem ein Wahnsinnsstreß, ein Band mitzubringen und es vorzuspielen. Ein Freund von mir hat die Drums auf diesem Demos übernommen, aber selbst die Gitarre zu spielen und das dann vor Stone und Mike laufen zu lassen, die beide so wahnsinnige Gitarristen sind, und das Zeug selbst zu singen und Ed vorzuspielen, der ein so hervorragender Texter und Sänger ist... Ich habe so geschwitzt wie noch nie. Wenn du dein Tape einlegst... das ist wie das jüngste Gericht. Aber als ich dann gesehen habe, wie die Jungs über die Songs ausgeflippt sind, das war riesig. Es hat mir auf alle Fälle Mut gemacht, jetzt viel stärker in dieser Richtung aktiv zu werden."

"Für mich war Jeffs Rückkehr als Songwriter eine tolle Entwicklung", meint Stone Gossard, "obwohl er auf allen Alben ein oder zwei großartige Songs drauf hatte. Genau wie Mike... Für mich hat Mike zwei der besten Songs auf diesem Album geschrieben, 'Given To Fly' und 'Faithful'. Auf diesen beiden Songs sind einige meiner absoluten Lieblingsriffs zu hören." Das Album an sich entstand dann in mehreren, offenbar recht relaxten Session, die letztes Jahr im Juni begannen. Man traf sich im Studio, arbeitete eine Woche oder zehn Tage, um dann erstmal wieder ein paar Wochen seiner eigenen Wege zu gehen und das bisher erarbeitete Material wirken zu lassen. Beim nächsten Treffen erfolgte eine neuerliche Standortbestimmung, dann wurden wieder zwei Wochen gearbeitet. Nach drei oder vier dieser Session war "Yield" im Kasten.

Nebenbei entspannte man sich auf verschiedene Weise. Jeff Ament ging Basketball spielen. "Ich liebe es, mich körperlich auszuarbeiten, mich athletisch zu trainieren, ganz egal, wie un- Rock'n'Roll- mäßig sich das jetzt anhört", grinst er. Stone Gossard engagierte sich im letzten Sommer ebenso wie schon die zwei davor bei der Red Feather Devellopment Group. "Wir haben Häuser im Pine Ridge Indianerreservat gebaut. Und das macht Spaß. Eine Woche im Jahr kommst du mal raus, pennst irgendwo in South Dakota draußen in einem Zelt, und die Landschaft dort ist einfach unbeschreiblich. Und du arbeitest dir echt den Arsch ab, lernst, wie man ein Dach baut oder Trennwände einzieht, oder hilfst jemanden anderem, elektrische Leitungen zu legen. Echt cool. Wenn ich von dort zurückkomme, fühle ich mich immer richtig gut. Die Gegend zählt zu den ärmsten in den USA. Der Anteil an Diabetikern und Alkoholkranken ist ungleich höher als sonstwo, und die durchschnittliche Lebenserwartung ist gerade mal vierzig Jahre oder so. Die Leute leben teilweise in Häusern ohne Heizung oder Strom, manchmal sieben oder acht Menschen in einem Raum, und davon sind dann noch drei vielleicht Alkoholiker. Im Winter sterben bei diesen extremen Verhältnissen viele ganz einfach an Kälte. Robert Young, (der Gründer der Red Feather Development Group) wollte sich in dieser Community engagieren und begann, Häuser für die älteren Indianer dort zu bauen, vor allem für jene, die sich noch die Sprache und die Kultur ihres Volkes erhalten haben, die ihm - und mir auch - sehr am Herzen liegt. Ich halte die Weitergabe dieser Kultur für sehr wichtig, damit die indianischen Völker überhaupt überleben können. Daß sie dann, wenn sie etwas über ihre Vergangenheit erfahren können, vielleicht auch eine Motivation für ihr eigenes Leben daraus ziehen." Dieses soziale Engagement ebenso wie die körperliche Arbeit waren Gossard auch stets eine Möglichkeit, einen klaren Kopf gegenüber den Mechanismen und Fallen des Rockgeschäfts zu behalten. Mittlerweile kann er den Zirkus, in dem er mitspielt, ob er nun will oder nicht, etwas gelassener sehen, und er versucht auch, seinem Bandkollegen diese Einstellung zu vermitteln. "Ich bin immer derjenige, der als erstes sagt, 'man kann die Dinge nur bis zu einem bestimmten Punkt kontrollieren. Die Leute wollen Gerüchte und lieben gute Geschichten. Also wird es immer Gerede geben, ob man nun will oder nicht. Irgendwann muß man einfach sagen 'ich bin in einer Rockband, und das gehört einfach dazu, man muß ein paar Interviews geben, denn es ist doch schön, wenn die Platten sich verkaufen, wenn die Leute draußen wissen, daß deine Platte erscheint, und es ist auch schön, wenn die Beziehung zur Plattenfirma ein bißchen entspannt ist.' Manchmal verursacht eine Weigerung nämlich genauso viele Probleme und Kopfschmerzen, als wenn man das einfach mal durchzieht und das Spiel mitspielt."

Mittlerweile stehen Pearl Jam die Grinse- Arie einer Fotosession durch, ohne daß es zu Wutausbrüchen kommt. Man ist - abgesehen von der allgemeinen lockeren Stimmung - eben mittlerweile ein wenig älter und weiser geworden, wie auch Eddie Vedder gern zugibt: "Ich bin immer noch derselbe Mensch. So sehr habe ich mich nicht verändert, aber ich habe das Gefühl, wesentlich erwachsener geworden zu sein. Ich werde auch cleverer. Ich meine, ich war nicht auf dem College, ich habe nicht einmal die High School abgeschlossen. Aber ich habe schon ziemlich früh angefangen zu arbeiten, und da habe ich eine ganze Menge gelernt. Immer gelernt, anderen zugehört... in gewisser Weise auch durch Musik. Und die Erfahrungen, die ich jetzt mache, die spiegeln sich auch in den Songs. Für mich ist diesmal 'Do The Evolution' der Song, der mich am meisten begeistert. Er gefällt mir einfach, er ist wie ein Tanz. 'It's the Evolution Baby!' Das sind auch teilweise Lehren für mich. 'Present Tense' auf dem letzten Album war eine Botschaft an mich selbst. Und andere Leute wissen ganz genau, was du da sagst. Das ist dir selbst zu der Zeit gar nicht richtig klar, das merkst du später."

"No Code", das letzte Album, scheint bei Vedder einen wunden Punkt zu berühren. Nach dem Überflieger des Debüts hat sich die Beziehung zwischen Band und Presse aus oben genannten Gründen nicht gerade einfach gestaltet; die Lobeshymnen über die Nachfolgewerke blieben also aus, und gerade "No Code" erhielt recht gemischte Kritiken. Vedder wird trotzig: " 'No Code` war ein sehr ordentliches Album. Es war nicht Independence Day II, es war einfach real. Ich habe genauso viel Feedback zu 'No Code' bekommen wie auch zu 'Ten'. Also war es eine gute Platte, und ich habe mitbekommen, daß sie vielen Leuten etwas bedeutet. Wir haben uns wirklich verändert. Für uns geht es jetzt als Band nach vorn, wir wollen unser Ding machen. Wir haben etwas aufgebaut, und wir werden uns nicht für das, was wir machen verteidigen. Wenn das jemand nicht gefällt, fuck off. Ich habe keine Zeit für sowas. Ich versuche, aus meinem Leben etwas zu machen, und kann jedem nur raten, dasselbe zu tun."

Das Interview führte Dave Marsh für Epic Records
Verfasser : Kiki Borchardt
Zeitschrift. ZILLO Februar 1998
thx to Annette