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The power of positiv thinking - Pearl Jam

Keine langen Haare, kein Ziegenbart, keine zerrissenen Klamotten. Nicht einmal der Klang einer verzerrten Gitarre weht aus einer Bar auf die Straße hinaus. Ist dies wirklich Seattle? Kann gar nicht sein, die Rocklexika und Presseberichte versichern uns doch übereinstimmend, daß hier in den Neunzigern wirklich Großes passiert ist. Diese Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt im Nordwesten der USA soll das Epizentrum der letzten großen Erneuerung der Rockmusik gewesen sein. Grunge, diese wilde, lärmende, authentische Spielart einer uralten Musik, die schlampig gekleideten Müßiggänger mit strähnigen Haarmatten den Weg in die Verkaufscharts ebneten. Wie auch immer: Heute noch Zeichen dieser kulturellen Explosion zu finden, ist eine Arbeit, die selbst geübte Archäologen überfordern dürfte.

 

Im Crocodile Café, einst das Flaggschiff der Bewegung, erinnert noch nicht einmal ein kleines Plakat an das, was diese Stadt bei Musikfreunden berühmt gemacht hat. Selbst im "Sub-Pop"-Laden mag man lange suchen, bis man beispielsweise Nirvanas "Bleach" in den Händen hält. Durchstöbert der verzweifelte Grunge-Tourist dann schließlich sogar unsymphatische Souvenir-Shops, um wenigstens einen Soundgarden-Schlüsselanhänger, ein Kurt Cobain-Shirt oder Alice in Chains-Unterwäsche zu erstehen, hat er auch da kein Glück. Es scheint, als wollten Seattle und die Einwohner dieser Stadt um keinen Preis mehr an ihre noch junge Vergangenheit erinnert werden. Vielleicht haben sie einfach die massive Ausbeutung des Hypes satt, der die lokale Musikszene erst populär gemacht und dann zerstört hat. Vielleicht ziehen sie es aber auch vor, in aller Ruhe ihren Drink genießen zu können und sich dabei neuen Trends wie Easy Listening oder Techno zuzuwenden.

Ja, liebe Nostalgiker, wenig bis gar nichts ist übriggeblieben aus den glorreichen Tagen des sogenannten Seattle-Sounds. Noch nicht einmal die Bands. Nirvana starben mit dem Tod ihres Masterminds, Soundgarden haben sich letztes Jahr aufgelöst und auch Alice In Chains sind aus hinlänglich bekannten Gründen so gut wie am Ende. Sogar die unverwüstlichen Mudhoney scheinen im Weltraum verlorengegangen zu sein. Nach den unzähligen Anzeigen von Dance-Discjockeys zu urteilen, die anscheinend jeden Club der Stadt beherrschen, ist das ganze Gallien des Grunge von den elektronisch bewaffneten Römern erobert worden. Ganz Gallien? Nein, halt, es gibt da noch einen kleinen Kreis unbesiegbarer Rocker, und im Gegensatz zu Kurt Cobain oder Layne Staley kommen sie sogar weitestgehend ohne Zaubertrank aus; Die Rede ist natürlich von Pearl Jam, neben den weiter oben angeführten Vertretern eine der Speerspitzen der Bewegung und so ziemlich die einzigen berühmten Überlebenden.

Sie sind die populärste US-Rockband dieses Jahrzehnts, wie sich an den Verkaufszahlen ihrer Alben "Ten" (1991, neun Millionen Einheiten) "Vs." (1993, sechs MiIlionen, die erste davon in gerade mal einer Woche) und "Vitalogy" (1994, fünf Millionen) ablesen läßt, auch wenn die Kurve nach unten weist. Eine kraftvolle Mischung aus Verzweiflung, Frustration und Wut, die von heftigen, seventies-beeinflußten Gitarrenriffs untermalt wurde, hatte sich zur Überraschung vieler Branchenkenner als Verkaufshit dieser Dekade entpuppt. Pearl Jam selbst zeigten sich von ihrer rasanten Entwicklung nicht nur überrascht, sondern auch alles andere als angetan. Wie schon Nirvana sahen Eddie Vedder und seine Mannen im Erfolg und den damit verbundenen Begleiterscheinungen eher einen Fluch als einen Segen. Sie verabscheuten den Rockstar-Rummel und kämpften mit aller Kraft dagegen an. So versuchten sie, das Monopol von Ticketmaster zu brechen, Amerikas mächtigster Konzertkartendistribution, die nach Meinung der Band den Fans mit überhöhten Preisen das Geld aus der Tasche zieht. Auch weigerten sie sich, das übliche Spiel der Promotion-Maschinerie der Plattenfirmen mitzumachen, was darin zum Ausdruck kam, daß Videos, Single-Auskopplungen und Interviews im Hause Pearl Jam eine absolute Seltenheit blieben.

Jetzt, nach vier Jahren der medialen Totalverweigerung, haben sie sich immerhin bereit erklärt, ihr neues Album "Yield" zumindest im überschaubaren Rahmen zu promoten. Böse Zungen mögen nun behaupten, daß dieser Sinneswandel eng mit den 'eher bescheidenen' Verkaufszahlen ihres letzten Werks "No Code" (1996) zusammenhängt. Doch das paßt nun wirklich nicht zum durchaus glaubwürdigen Anti-Image der Band. Pearl Jam haben vielmehr ihr Schweigen gebrochen, weil sie den Drang verspüren, zu reden, Mißverständnisse aufzuklären und der Welt die gute Nachricht zu übermitteln: Die Tage des himmelschreienden Zorns sind vorüber, willkommen im Zeitalter von Reife, Ruhe und Reflexion.

Wie ein lebendiges Spiegelbild des Positivismus, der sich wie ein roter Faden durch das neue Album zieht, erscheinen Sänger Eddie Vedder und Bassist Jeff Ament lächelnd und betont relaxt. Vedder trägt ein durchgehend schwarzes Outfit und seinen Haarschopf inzwischen relativ kurz. Nur ein einziges Detail sticht aus dem dezent-eleganten Gesamteindruck heraus: ein kleiner Anstecker mit einem pinken Dreieck, dem Symbol der Schwulenbewegung. Aments Kleidung ist da schon eher Grunge, wenn auch die moderne Version: Wollmütze, extraweites T-Shirt. Bermuda-Shorts und Wildleder-Sneakers. Doch wenden wir uns von diesen Oberflächlichkeiten ab und endlich dem Interview zu.

In letzter Zeit schien die Zukunft der Band alles andere als gesichert. "No Code" konnte die Verkaufserwartungen nicht erfüllen, getourt wurde nur sporadisch, und manche Quellen sprachen von Spannungen innerhalb der Band, nun meldet ihr euch mit einem neuen Album zurück, das euch optimistischer denn je zeigt, und gebt in diesem Zusammenhang sogar wieder Interviews. Haben sich die Bedingungen in den letzten Jahren verändert?

Jeff Ament: "Zuerst einmal konnten wir es uns leisten, neue Wege zu erforschen, auf die wir sehr neugierig waren. Eddie sang mit Nusrat Fateh Ali Khan, wir spielten mit Neil Young, und ich war durch Three Fish mit einer anderen Gruppe aktiv. Wir konnten wieder in kleineren Clubs auftreten und uns auch andere Bands ansehen. Wir hatten einen Punkt erreicht, wo es dringend nötig war, sich wieder auf simplere, grundsätzlichere Dinge zu besinnen und den Spaß an ihnen zurückzugewinnen. Für mich war das eine Frage von gegenseitiger Wertschätzung, daß wir wieder zum Anfang zurückkehrten und erkannten, daß man die wirklich wichtigen Dinge an einer Hand abzählen kann. Und in der kurzen Liste dieser Dinge kommt das Musikmachen so ziemlich an erster Stelle."

Waren die Differenzen innerhalb der Gruppe zu groß geworden?

Eddie Vedder: "Allzu ernst war es eigentlich nie. Die Sache ist die, daß man zwar die große Chance hat, sein Leben mit Musik zu bestreiten, an einem bestimmten Punkt aber den Spaß daran verliert, weil die meisten der mit unserer Arbeit zusammenhängenden Faktoren mit Musik überhaupt nichts mehr zu tun haben. Im Laufe der Jahre haben wir unsere Entscheidungen bewußt getroffen und einige Dinge gelernt. Trotzdem hat es gedauert, bis wir den Wert unserer Arbeit wirklich schätzen gelernt haben."

Ihr habt euch immer über die Manipulationen beklagt, mit denen die Industrie und die Medien die Welt der Rockmusik beeinflussen. Nun ist der große Goldrausch in Seattle vorbei - fühlt ihr euch trotzdem noch von diesen Kräften unter Druck gesetzt?

Vedder: ..Wir geben einfach unser Bestes. Was sich außerhalb der Band ereignet, was die Leute denken und sagen, das ist uns völlig gleichgültig." Ament: "Ich denke schon, daß der Druck noch existiert. Wenn du es zuläßt, bedrängen dich die Leute und versuchen, Einfluß auf dein Leben zu nehmen Die einzige Möglichkeit, dies zu vermeiden, ist, genau zu wissen, wohin man will und welche Quellen gut für einen sind. Letztendlich ist man aber immer gefangen in diesem Strudel zwischen Platten- firmen, Ticket-Agenturen und anderen Kräften, die alle die Oberhand gewinnen wollen. Dessen muß man sich stets bewußt sein."

Nach Nirvana konzentrierte sich das Medieninter- esse am Grunge-Phänomen in erster Linie auf Pearl Jam. Was waren die primären Auswirkungen dieser übermäßigen Präsenz im Licht der Öffentlichkeit'?

Vedder: "Wir wurden sogar zu der Zeit überrepräsen- tiert, als wir gar keine Interviews gegeben haben. Überall erschienen recyclete Artikel, mit denen wir nicht das geringste zu tun hatten. Wir wollten all dies kontrollieren, wollten diese willkürliche Berichter- stattung unterbinden, aber es war schlicht unmöglich. Ich für meinen Teil gelangte schließlich an einen Punkt, wo ich jeden Vertreter der Medien als persön- liche Belästigung empfand. Wenn ich einen Journalisten sah, war meine Reaktion: 'Entfernt dieses Subjekt aus meiner Nähe!' Ich konnte das Bombardement der Medien nicht mehr ertragen, ich wollte mich nicht im Kreis von Fernsehleuten bewegen, die den ganzen Tag lang anscheinend nur schreien."

Nach so vielen Jahren des Schweigens gebt ihr nun wieder Interviews. Hat es wirklich nichts mit den enttäuschenden Verkaufszahlen des letzte Albums zu tun?

Vedder: .,Wir haben auch in der Zwischenzeit ein paar Interviews gegeben. Die Jahre in denen wir so gut wie gar nicht mit der Presse gesprochen haben kamen uns selbst nur wie einige Monate vor. Wir sehen das als eine kurz Freizeit-Periode, die wir unserer Meinung nach verdient hatten."

Was ist denn so unerträglich daran, sich mit einem Journalisten zu unterhalten?

Vedder: "Natürlich ist es nicht unerträglich, mit Leuten über Musik zu sprechen, aber wir müssen uns bei der Vergabe von Interviewterminen ein schränken, auf Tour zum Beispiel geben wir absolut nie Interviews. Diese Herumgereichtwerden von einem Sender zum nächsten, das ist unerträglich."

Diese Verweigerungshaltung gegenüber den auszehrenden Mechanismen des Rock-Business ist ein Kernpunkt eurer Identität. Ihr habt es abgelehnt, zu expressiv zu touren, den Video-Hunger des allmächtigen Sender MTV zu befriedigen oder mit dem riesigen Ticketmaster-Konzern zusammenzuarbeiten. Hat sich dieses Verhalten letzten Endes nicht als kontra produktiv herausgestellt? Schließlich waren die Leidtragenden in erste Linie eure Fans, für die es schwierig bis unmöglich wurde, Pearl Jam Konzerte zu besuchen oder euch im TV zu sehen...

Ament: "Das sehe ich anders. Die Leute kritisieren uns dafür, daß wir nicht genug auftreten und keine Videos machen, aber denk' doch mal an unser Platten. Wir sind sehr produktiv, bringen fast jedes Jahr ein neues Album her aus. Wenn ich Fan einer Band bin, gibt es für mich nichts Schöneres als ein neues Album von dieser Band."

Vedder: .,Genau darin sehe auch ich unsere Verantwortung. Das ist de Grund, warum es uns gibt: Musik, unsere künstlerische Verwirklichung. Nicht Video-Clips, Fernsehinterviews oder ähnlicher Blödsinn."

Ament: .,Im Fernsehen aufzutreten und zu sagen: 'Hey Freunde, wie geht's wie steht's?' - das ist nicht unser Ding. Das ist Sache der christlichen Rock-Prediger, die fühlen sich wohl, wenn sie vor den Kameras ihre Show abziehen können."

Vedder: "Wir sind real existierende Personen, mit uns funktioniert das nicht."

Sowohl die Musik als auch die Lyrics des neuen Albums sind weniger aggressiv als in der Vergangenheit. Ist dies als Zeichen anzusehen, daß wir 1998 eher die zufriedenen als die wütenden Pearl Jam erleben werden?

Vedder: .,Kann schon sein. Wenn du älter wirst und als Künstler ehrlich bleiben willst, kannst du nicht hergeben und versuchen, die gleichen Gefühle auszudrücken wie zu der Zeit, als du noch ein Heranwachsender warst. Diese 'Gefühle' wären dann nur ein Fake. Die Wut, die einst in uns war, ist mit der Zeit dem Nachdenken gewichen. In der Vergangenheit waren wir oft angepißt und schrien das auch lauthals heraus, und ich denke, daß diese Botschaft die Leute auf diese Weise auch am besten erreichen konnte. Aber wie soll es danach weitergehen? Wenn man erwachsen wird, muß man sich einen Weg suchen, wie man seine Energie in geregeltere Bahnen lenkt. Das heißt nicht, daß wir uns jetzt nicht mehr mit den negativen Aspekten des Lebens beschäftigen, die sind in unseren Songs noch immer präsent. Aber das Aufregende, die wirkliche Herausforderung ist, sie von einem positiveren Standpunkt aus zu betrachten, einen Weg zu finden das Problem zu lösen. Vorher hieß es nur: 'Dies ist scheiße jenes ist Mist, alles stinkt und kotzt mich an!' Davon habe ich jetzt genug."

War Pearl Jam im Laufe der Jahre zu einem Klischee heruntergekommen, zu einem stereotypen Vorzeigebeispiel einer wütenden, anklagenden Band?

Ament: "Das denke ich nicht. Wenn man den ganzen Tag damit zubringt, seine Energie in Wutausbrüchen zu verarbeiten, fühlt man sich am Abend total erschöpft, ganz so, als wäre man an einem Punkt angelangt, der zwei Schritte hinter dem eigentlichen Ausgangspunkt liegt. Man fühlt sich schlecht, weil man merkt, daß man gar nicht mehr in der Lage ist, das auszudrücken, was man ursprünglich im Sinn hatte. Wenn man sich dagegen eine Auszeit nimmt, sich hinsetzt und für einen Moment in aller Ruhe nachdenkt, kann man die Sache mit einem wesentlich klareren Kopf angehen, und vieles löst sich von ganz allein. Wobei ich nicht sagen will, daß ich vom Charakter her für diese Herangehensweise geschaffen bin, haha."

Auf dem Album findet man ständig Begriffe wie 'hope', 'love', 'desire'. Das hört sich an, als würdet ihr euch mehr und mehr zu waschechten Hippies entwickeln...

Vedder: "Wir können uns einfach nicht mehr wie pubertäre Punks aufführen, die den ganzen Tag 'fuck everything! ' sagen. Das ist eine sehr restriktive Einstellung. Wir haben uns verändert, weil wir eine ganze Menge gelernt haben. Wir sind letzt schon einige Jahre dabei, und wahre Künstler verändern und entwickeln sich nun einmal weiter. Auch als Menschen haben wir uns verändert und einen höheren Grad von Flexibilität erreicht. Wir sind so vielen Eindrücken ausgesetzt gewesen, haben unzählige Reisen unternommen und dabei viel gesehen und erlebt. Aber unterm Strich ist unser Anliegen immer noch das gleiche geblieben: Tell the truth."

Der Titel des Albums. "Yield", hat viele Bedeutungen. Welche ist in diesem Fall gemeint?

Ament: "Aufmerksamkeit zu schenken, sensibel zu sein... Wie Eddie schon sagte, war unser Leben in der letzten Zeit sehr extrem: Wir waren ständig unterwegs haben viele Dinge gesehen und sehr intensiv gelebt. Da muß man sich eine Perspektive erarbeiten, einen Ausgleich schaffen, indem man in die Berge oder ans Meer fährt. Einfach nur am Strand stehen, den Sand betrachten und darüber nachdenken, wo er eigentlich herkommt - das kann eine Perspektive eröffnen. Es zeigt einem, wie unbedeutend ein bestimmtes Bauwerk ist und wie bedeutend dagegen ein Baum, auch wenn das Gebäude fünfzehnmal so groß ist. Der Baum ist schon seit Jahrhunderten hier, ganz ohne fremde Hilfe. Es ist, wie in einem Flugzeug über eine Stadt zu fliegen: man erkennt, wie unwichtig all diese Leute sind, die in ihren Maschinen von einem Ort zum anderen hetzen. Und dann fliegt man über die Berge und den Ozean... Wir haben viel Zeit in der Natur verbracht und gelernt, ihren Wert zu schätzen."

Vedder: "Viele Leute sehen ihre Umgebung in alltäglichen Situationen, zum Beispiel, wenn sie mit dem Bus unterwegs sind. Aber die Zukunft, die uns erwartet, sieht so aus: Die Menschen werden nicht mehr länger reisen, weil sie alles im Fernsehen oder auf ihrem Computer betrachten können. Sie werden es nicht mehr nötig haben, den Grand Canyon zu besuchen, aber sie werden niemals seine Faszination fühlen, sie werden ihn niemals wirklich sehen. Ich kann gar nicht mehr aufhören, darüber nachzudenken, wie wichtig die virtuelle Realität für unser aller Leben wird. Das hängt eng mit der Kontrolle über die Menschen zusammen, die in der Zukunft ganz klar zunehmen wird. Wenn du die Realität über einen Monitor siehst, ist es wesentlich einfacher zu kontrollieren und zurückzuverfolgen, was du siehst, wonach du im Internet suchst. Über diesen Weg können sie schließlich sogar in dein Maus eindringen und deine Aktivitäten überwachen. Der technische Fortschritt wird diese Mechanismen weiter vorantreiben."

Ist diese Allergie gegenüber dem technischen Fortschritt ein Grund dafür, daß ihr im Gegensatz zu so vielen anderen Rockgruppen keine elektronischen Hilfsmittel In eure Musik integriert habt?

Vedder: "Es liegt eher daran, daß wir nicht wissen, wie wir damit arbeiten sollen. Nach so langer Zeit zusammen haben wir ein hohes Level an Kommunikation untereinander erreicht. Daraus müssen wir jetzt unseren Vorteil ziehen, anstatt unsere zeit damit zu verschwenden, mit Maschinen zu kommunizieren. Bevor wir mit Maschinen das erreichen könnten, was wir im Sinn haben, müßten wir erst den Umgang mit ihnen erlernen. Für uns ist es einfacher und außerdem auch aufregender, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Zweifellos gibt es interessante Aspekte in der elektronischen Musik, und ich glaube auch, daß man Elemente davon benutzen kann, ohne gleich ein perfekter Techniker werden zu müssen. Ein bißchen habe ich mich mit Hovercraft, der Band meiner Frau, sogar auf dieses für mich neue Terrain eingelassen. Wir alle hören privat gerne elektronische Musik, aber für Pearl Jam scheint es uns sinnvoller zu sein, Songs auf die klassische Art und Weise, also mit der Gitarre zu komponieren."

Der Aufpasser der Plattenfirma Epic erscheint in der Tür und signalisiert daß nur noch fünf Minuten bis zum Ende des Interviews bleiben. So haben wir nur noch wenig Zelt, über die gemeinsamen Erlebnisse von Pearl Jam-Mitgliedern und anderen musikalischen Legenden zu reden. Da wäre einmal Neil Young, mit dem sie neben zahlreichen Auftritten auch das 95 er Album"Mirror Baß" eingespielt haben. Zum anderen natürlich der kürzlich verstorbene Nusrat Fateh Ali Khan, der größte kulturelle Mythos Pakistans, mit dem Eddie Vedder 1996 die beiden Songs "long Road" und "The Face Of Love" für den Soundtrack "Dead Man Walking" aufgenommen hat.

Vedder: "Ich wußte vor unserem Treffen absolut gar nicht, was passieren würde, noch nicht einmal, welchen Song wir zusammen singen würden. Ich war ziemlich aufgeregt, weil er jemand war, den ich tief bewunderte. Es war eine sehr intensive Erfahrung. Er sprach kein Wort Englisch, wir konnten nur über unsere Gesichter und die Musik kommunizieren. Ein bestimmter Gesichtsausdruck stand für einen bestimmten Akkord, wenn wir darüber hinaus etwas zu erklären hatten, mußten wir es von seinem Manager übersetzen lassen. Fünf Tage später, als wir in einem der Studios allein waren, sagte er auf einmal in akzentfreiem Englisch zu mir: 'Vou're a very nice guy.' Ich konnte es nicht glauben, er sprach tatsächlich Englisch, aber er verheimlichte es, um sich vor all den Film- und Musikindustrie-Leuten zu schützen, die überall herumschlichen und sowieso nur Müll zu erzählen hatten. Er hatte einen Graben zwischen sich und diese Leute gezogen, einen Freiraum geschaffen, den nur solche Leute betreten konnten, die er dort hineinlassen wollte."

Mit Neil Young habt ihr eine Menge Dinge gemeinsam: Den Ruhm, eine Vorliebe für lärmende Gitarren und eine gewisse Tendenz, sich mit der Musikindustrie anzulegen. Was konntet ihr von ihm noch lernen?

Vedder: "Vor allen Dingen haben wir von ihm gelernt, was es heißt ein guter Musiker zu sein. Gestern habe ich noch meine Plattensammlung aufgeräumt ich habe ungefähr zwanzig von seinen Alben. Er hat eine Menge großartiger Musik geschaffen, und das gibt ihm Kraft, das verleiht ihm die Courage, allen Dingen ins Gesicht zu sehen. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie man seine Integrität überall die fahre bewahren kann, wie man seinen Weg gehen kann, ohne sich dabei auszuverkaufen."

Ament: "Er hat es geschafft, die absolute Kontrolle über sein kreatives Schaffen zu behalten. Dadurch war es ihm möglich, sich besser zu entwickeln als es all den anderen Vertretern seiner Generation vergönnt war. Seine Songs kommen immer noch direkt aus dem Herzen."

Erschienen im Visions-Magazin 02/98 Interview: Mikel Itiirriaca (Ei PAIS) Bearbeitung: Dirk Siepe, Gescannt und umgesetzt: Christian Nölle