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Pearl Jam - Die alten Wilden

Jahrelang schienen sie genau so tot, wie die Musikszene ihrer Heimat Seattle: Ein Haufen idealistischer Hippies, der auf kommerzielle Totalverweigerer macht, kaum Interviews gibt und nur dann auf Tournee geht, wenn es unbedingt sein muß. Damit ist jetzt Schluß: Auf ihrem neuen Album "Binaural" klingen Pearl Jam frischer und frecher denn je: ein gesetztes Kollektiv, das endlich wieder Spaß an der Musik hat.

Das Drumherum erinnert an Superstars vom Format Jackson & Co: Ein Nobelhotel im New Yorker Hip-Stadtteil Soho, riesiger Medienauflauf in der Lobby, militärisch gedrillte Plattenfirmenbeauftragte und ein paar verwirrte Musiker, die diesem Heckmeck beinahe hilflos gegenüber stehen. "Ich muß mich für dieses Theater entschuldigen", meint denn auch Eddie Vedder, sobald die Tür zur Interview-Suite ins Schloß fällt. "Da kommt man sich vor wie bei der Armee - und unser Label wundert sich ernsthaft, warum wir keine Pressetermine wollen". Der Künstler in der Opferrolle - eines von Vedders Lieblingsthemen, aber doch längst nicht das einzige. Denn der 35jährige Sänger ist nicht nur der Traum seiner weiblichen Fans, sondern auch eines jedes Interviewers: ruhig, besonnen, voller Sprachwitz und super-konzentriert. Ein kleines, unscheinbares Männchen in abgeschabten Jeans, ausgelatschten Schuhen und verwaschenem Sweater. Kein Superstar, dafür aber mit einem adretten Wuschelkopf und strahlenden Augen, die ihn zu etwas Besonderem machen. Und sobald seine erste Zigarette brennt, legt Vedder auch schon los. Zunächst über ein Album namens "Binaural", mit dem Pearl Jam nicht nur das 21. Jahrhundert eröffnen, sondern auch ein ganz neues Kapitel ihrer inzwischen zehnjährigen Bandgeschichte. 13 Songs, die so gar nichts mit den langweiligen Rock-Traditionalismen zu tun haben, wie sie noch auf "No Code" oder "Yield" zu finden waren. Denn diesmal gibt es keine endlosen Jams mit melancholischen Depri-Texten und langatmigen Innenansichten aus dem Leben von Anti-Stars, sondern ebenso herzerfrischende wie originelle Rockmusik von reifen Herren, die noch einmal so richtig Spaß haben wollen. Und das hört man den Songs in jeder Note an: temporeicher Alternativerock, kurze Punk-Ditties, große Balladen, detailverliebte Doors- und pink Floyd-Hommagen sowie akustische Folksongs mit messerscharfen Texten - eine Mischung, die es in sich hat. "Es war einfach Zeit, etwas Neues zu probieren", meint Eddie und grinst genüßlich vor sich hin. "Normalerweise vermeidet man Veränderungen, wo man nur kann, das ist ja menschlich. Aber es war eben der perfekte Moment, um endlich mal ein paar Neuerungen einzuführen und eine andere Stimmung einfließen zu lassen. Und die ist einfach großartig."

Nicht zuletzt ein Verdienst von Produzenten und Aufnahmetechnik. Denn nach vier Alben mit dem erzkonservativen Brendan O´Brian, der auf endlose Jams und altbackene Analog-Technik setzt, greifen sie jetzt in die große musikalische Trickkiste: Tschad Blake heißt der Mann, der zuvor schon Tom Waits und Soul Coughing betreute und auch Pearl Jam einen völlig neuen Sound samt nagelneuer Identität verpaßt. Und das alles mit der der sogenannten binauralen Aufnahme-Technik: kein High-Tech-Brimborium, sondern zwei Monokanäle mit je zwei Mikrophonen, die an einem Kunstknopf befestigt sind und einen besonders räumlichen und warmen Sound erzielen. "Tschad ist ein ziemlich verrückter Typ, der sich bemüht, einen natürlichen Klang einzufangen. Er fährt sogar öfters nach Afrika, um dort irgendwelche Musiker im Original-Umfeld aufzunehmen. Das erscheint dann später auf Peter Gabriels ,Real World'-Label." Bei Pearl Jam wirkt sich das Ganze etwas anders aus: Vedders Gesang ist zwar stets im Mittelpunkt, doch um ihn herum passieren viele nette Kleinigkeiten, die sich am besten via Kopfhörer genießen lassen: von flirrenden Gitarren über Ukulele, Hundegebell, Piano, Streicher bis hin zu unterschiedlichen Drum-Rhythmen. Ein Kaleidoskop aus kessen Sounds und brillianten Ideen, die sich zu einem regelrechten Hörspiel zusammenfügen. "Das ist etwas, was wir beinahe verlernt hätten: Musik bewußt zu genießen, eben mit Kopfhörer und geschlossenen Augen. Dadurch erhält man das Gefühl, als wäre man leibhaftig dabei. Man erkennt einfach alles, bekommt das ganze Bild. Und so habe ich früher Musik gehört. Mittlerweile läuft sie nur noch im Auto oder über die Monitor-Boxen im Studio. Und weißt du, warum? Weil mir Kopfhörer einfach nicht laut genug sind. Kann sein, daß meine Ohren völlig ruiniert sind, aber ich habe von einem Typen in Australien gehört, der so eine Art Verstärker für Walkmen erfunden hat. Die kosten 20 Mark. Das wäre doch ein tolles Weihnachtsgeschenk."

Bei aller stilistischer Vielfalt: Eine neue, frische Version von Pearl Jam bedeutet nicht zwangsläufig eine kommerziellere. Denn darauf lassen sich die Herren Vedder, Ament, Gossard, Cameron und McCready nicht ein. Kein Wunder, als gebrannte Kinder, die den überdimensionalen Erfolg ihres ´91er Debüts "Ten" noch immer nicht verarbeitet haben, seitdem aber ganz bewußt kleinere Brötchen backen. Zum Beispiel, indem sie kaum Interviews geben, aus Prinzip keine Video-Clips drehen und immer die schwierigsten, längsten und unzugänglichsten Songs als Singles auskoppeln. So auch diesmal, denn das epochale, fünfeinhalbminütige "Nothing As It Seems" ist nicht nur der schwächste Track der Platte, sondern auch die unglücklichste Singlewahl, die Vedder & Co. Überhaupt hätte treffen können. "Das mag schon sein", grinst mein Gegenüber. "Es ist aber nicht so, als ob wir das extra täten, um die Leute an der Nase herumzuführen. Genauso wenig, wie wir sie zwingen können, überhaupt eine unserer Platten zu kaufen. Schon gar nicht mit einem besonders griffigen, eingängigen Song. Klar fänden das einige bestimmt super-toll. Genau wie unsere Plattenfirma nichts lieber täte, als eine großartige Marketing-Kampagne zu starten. Nicht das mir das keinen Spaß macht - es macht mich regelrecht krank. Da verlange ich dem Hörer doch lieber etwas ab und sehe mal, wie groß seine Aufmerksamkeit wirklich ist. Das ist doch viel interessanter."

Aber nicht nur die Geduld wird auf die Probe gestellt, sondern auch das Humor-Verständnis. Das scheint sich bei Pearl Jam ohnehin nur Hardcore-Fans zu erschließen, die a) im Ten-Club sind und die alljährliche Weihnachtssingles erhalten, b) Pearl Jam schon einmal bei einem ihrer spontanen Überraschungsgigs in irgendwelchen Seattle-Clubs erleben durfte oder c) ganz einfach das letzte Homevideo "Single Video Theory" kennen. Bei "Binaural" liegt der Fall ähnlich - genauer im Artwork, das die Geburt und das Ende eines Sterns zeigt (symbolisch für die neuen und alten PJ) sowie im Outro, das einen frustrierten Eddie beim Bearbeiten seiner Schreibmaschine (kein Computer) dokumentiert und im Booklet als "Writer´s Block", also Schreibblockade, angeführt wird. "Ich hatte wirklich riesige Schwierigkeiten, die Texte zu den letzten drei Songs fertigzustellen. Das waren ´Insignificance´, ´Grievance´ und ein Track, den ich für Matt Camerons Band Wellwater Conspiracy geschrieben habe. Mann, ich bin fast verrückt geworden, habe ständig alles umgeschmissen, bis ich hinterher zwei oder drei Versionen hatte. Daraus habe ich dann die besten Parts zusammengefügt, und das hat prima funktioniert."

Überhaupt fühlt sich Vedder heute wohler denn je - zumindest seit das ehemalige Surf-Kid aus Kalifornien die folgenschwere Entscheidung traf, nach Seattle zu ziehen und mit den traurigen Überresten von Mother Love Bone (deren Sänger Andrew Wood im März 1990 an einer Überdosis Heroin starb) eine neue Gruppe aufzuziehen - Pearl Jam. Seitdem sieht sich Vedder mit einem Image und einer Rolle konfrontiert, die er so gar nicht mag: Die des Rockstars, Jugendidols - und noch schlimmer - des Sprachrohrs der Gen. X. All das hat er in den letzten sieben Jahren regelrecht ausgesessen. "Natürlich habe ich nichts dagegen, erfolgreich zu sein, aber ich würde dabei gerne anonym bleiben." Etwa durch den totalen Rückzug aus der Öffentlichkeit, durch die ebenso ruhige wie erfüllende Beziehung zu seiner Ehefrau Beth oder immer neue Spaßprojekte. Zuletzt etwa für den aktuellen Tim Robbins-Film "Cradle Will Rock", eine Persiflage auf die Kulturbeflissenheit der Superreichen - oder was diese darunter verstehen. Dafür hat Vedder ein Duett mit der Schauspielerin Susan Sarandon aufgenommen. "Zunächst sollte es Kim Gordon von Sonic Youth sein, aber irgendwie hat das nicht geklappt. Auch nicht schlimm, schließlich spielt das Ganze in den 30er Jahren und dazu paßt Susans Stimme einfach viel besser. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so eine ausgeprägte Melodie gesungen, also mich hat das unglaublich inspiriert." Genau wie seine übrigen Freizeitaktivitäten - allen voran The What, eine Who-Coverband, die sich aus den Mitgliedern von Mudhoney und Fastbacks zusammensetzt und gelegentlich (und natürlich unangekündigt) in lokalen Bars auftritt. "Wir haben uns inzwischen in The Quick Ones umbenannt, sind aber nur einmal aufgetreten - bei einem Festival in Olympia. Ich glaube, wir haben die komplete "Live At Leeds" runtergespielt, und das gar nicht einmal schlecht. Lustigerweise hat uns keiner erkannt, denn wir haben Perücken getragen und sahen ziemlich dämlich aus."
Überhaupt geht Vedders Begeisterung für The Who so weit, daß er inzwischen nicht nur mit Pete Townshend auftritt (nachzuhören auf dessen aktuellem Live-Album), sondern auch den amerikanischen Fanclub leitet - als Ehrenvorsitzender. Eine Position, die ihm eigentlich auch die Ramones übertragen wollten, doch Vedder lehnte aus Zeitgründen ab. "Ich bin ein enger Freund von Joe und Dee Dee. Das sind die wahren Erfinder des Punk - nicht die ganzen Engländer. Wußtest du, daß Sid Vicious nur versucht hat, Dee Dee zu sein? Die meisten Leute übersehen das. Joe ist übrigens ein richtiger Historiker - er studiert die Hitparaden der 20er Jahre. Ja, ehrlich. Die gab es schon damals! Da war zum Beispiel dieser Typ namens Bill Murray. Der hatte acht Jahre lang einen Top-Hit nach dem anderen, und keiner wußte, wer er war. Es hat einfach niemanden interessiert. Und das finde ich großartig."
Doch der neue, alte Spaß ist nur die eine Seite der Medaille. Denn Vedder benutzt die Musik natürlich weiterhin zum Propagieren politischer Ansichten, die vielen Amerikanern dann doch zu progressiv und zu revolutionär sind. "Ehrlich: Ich wäre wirklich gerne stolz auf mein Land und treffe auch immer wieder großartige Amerikaner, die ich sehr bewundere. Aber wenn ich mir ansehe, wie wir uns als sogenannte Supermacht in der Welt verhalten, dann ist mir das einfach nur peinlich. Scheiße, was nützen einem die größten Waffen, wenn sie von den kleinsten Gehirnen bedient werden? Und deswegen bin ich auch nie Patriot geworden. Hey, versteh mich nicht falsch: Es gibt nichts, was ich lieber täte als mein Land zu lieben! Eben, weil das eigentlich ganz normal wäre. Aber ich sehe Amerika als ein riesiges Experiment - und das funktioniert komischerweise nur dort, wo Leute aus unterschiedlichen Kulturen aufeinandertreffen. Wo es nicht funktioniert, ist bei der Hochfinanz, die alles zusammenlegt und monopolisiert. Eben diese Unart, sich alles einzuverleiben und mit Logos zu versehen. Manchmal habe ich das Gefühl, als ob unsere Kultur nur ein einziges großes Werbeplakat für die Großindustrie sei. Zum Beispiel die amerikanische Flagge - ist das etwa mehr, als ein Symbol für ´Nike´ und ´McDonalds´? So nach dem Motto: 50 Sterne und 40 Logos? Darüber spreche ich auch in dem Song ´Grievance´ - eben über die irrsinnige Fehlentwicklung der Technologie. Da gibt es diese Zeile: "for every tool they lend us, a loss of independence". Und das sagt eigentlich alles. Weißt du, heute passiert alles so furchtbar schnell, und jeder ist begeistert von neuen Technologien, die angeblich alles einfacher machen. Fast so, als wäre das die endgültige Form von Freiheit, die Erfüllung allen Seins. Natürlich ist es sehr bequem, seine Bedürfnisse via Internet zu befriedigen und nicht mehr Einkaufen fahren zu müssen, aber gleichzeitig wirst du zum durchsichtigen Menschen. Sie erfahren alles über dich und deine Neigungen und bieten dir gezielt Produkte an, von denen du immer mehr und mehr willst - irgendein Blödsinn, den du sowieso nie brauchst. Aber das ist nun einmal das Problem mit dem Kapitalismus. Alles, was uns bleibt, ist die Chefs irgendwelcher multinationaler Großkonzerne um mehr Rücksicht und Verantwortung zu bitten, und meiner Meinung nach ist das wirklich nicht zuviel verlangt. Übrigens ist es mit unserer Musik ja nicht anders. Als Band kann es nicht unser Interesse sein, den Leuten so viele Songs wie möglich in den Rachen zu schieben. Wir verlassen uns da lieber auf den individuellen Geschmack und auf unsere Fans, denen wir etwas bedeuten. Es gibt keine schlimmere Vorstellung als alles zu vereinheitlichen und gleichzuschalten."

Womit wir bei Pearl Jams langjährigen, aber vergeblichen Kampf gegen den amerikanischen Konzertkarten-Dealer Ticketmaster wären, der natürlich viel weiter geht, als nur Eintrittskarten gegen Kreditabbuchungen zu verschicken - und das für horrende Bearbeitungsgebühren. Ticketmaster ist vielmehr ein weit verzweigtes Unternehmen, dem Lizenzen an Konzerthallen gehören, das mit festen Sponsoren- und Präsentationen arbeitet, eine Beteiligung am Merchandise-Erlös fordert (mindestens 30 Prozent!) und die gesamte Verköstigung des Konzertpublikums betreut. Ein Millionengeschäft mit Mafia-Mentalität, zumal Ticketmaster in den letzten Jahren so mächtig wurde, daß die Eintrittspreise quasi nach Belieben festlegen konnten - bis Pearl Jam die zwielichtige Gesellschaft durch alle rechtlichen Instanzen jagte. Doch selbst, wenn ihnen ein winziger Teilerfolg (Ticketmaster muß seine Bearbeitungsgebühr ausweisen) gelang - letztlich guckten Vedder & Co. Doch in die Röhre. Der Versuch, in Eigenregie Konzerte zu veranstalten und durchzuführen, endete im Chaos: miserable Organisation, entlegene Venues und oftmals völlig unbrauchbare Anlagen. Pearl Jam mögen große Idealisten und Musiker sein - als Booker sind sie ein wandelndes Desaster. "Ok, wir haben den Krieg zwar verloren und sind regelrecht gezwungen, wieder mit ihnen zu kooperieren, aber zumindest haben wir einige Leute aufgeweckt. Gerade an der Ostküste gibt es wieder viele unabhängige Promotor, die auch ohne Ticketmaster auskommen, und mit denen arbeiten wir, wo wir nur können." Daß er irgendwann selbst in die Politik einsteigt, kann er sich zwar nicht vorstellen, doch konkrete Stellung bezieht Eddie ja schon seit Jahren. Sei es für Künstler-Komitees wie JAMPAC, mit dem Ex-Nirvana-Bassist Krist Novoselic gegen die Zensur von Texten, Musik und Artworks kämpft, oder für die populäre "Rock The Vote"-Kampagne, mit der 1992 die amerikanische Jungwählerschaft für Clinton mobilisiert wurde. Und genau der steht in diesen Tagen vor dem endgültigen Ende seiner zweiten und letzten Legislaturperiode. Für Vedder kein wirklicher Grund zum Freiern. "Ich fand ihn gar nicht so schlecht. Obwohl: Im Grunde gibt es eh keinen Unterschied mehr zwischen Demokraten und Republikanern - es ist alles dasselbe. Sie vertreten das geldgierige Amerika. Die einzige Alternative ist ein Typ namens Ralph Nader, der für die Grünen kandidiert. Es gibt wohl keinen anderen Amerikaner, dem es sich mehr zuzuhören lohnt als ihm. Er ist der einzige, der wirklich Perspektiven aufzeigt. Aber ob er jemals irgendwelche Macht erlangen wird? Wohl kaum. Aber eins ist sicher: Al Gore wähle ich auf keinen Fall! Allein schon wegen seiner Frau. Die würde doch am liebsten die gesamte Rockmusik zensieren. Eine echte Hexe."

Idealisten vom Scheitel bis zur Sohle - genau wie ihre Fans, die in Pearl Jam so etwas wie einen Gegenpol zur schnelllebigen Moderne und völligen Omnipräsenz von Microsoft bis Starbucks erkennen. "Danke, daß du es so formulierst", freut sich Vedder. "Ich liebe die Idee, ein Gegenpol zu sein. Dabei ist es ganz egal, wogegen. Hauptsache, man ist einer. Das gilt selbst für U2. Natürlich wurden sie wegen ihrer letzten Tour von der Kritik zerrissen. Aber weißt du was: Sie haben ihre verfickte rotierende Zitrone selbst bezahlt. Da stand nicht ´Nike´ oder ´Microsoft´ drauf- sie hatten die Eier, diesen Wahnsinn selbst zu finanzieren, und ich fand das großartig. Wenn es dir nicht revolutionär genug ist, dann gibt es ja immer noch Fugazi, die wirklich keine Kompromisse eingehen. Klar, wir sind bei ´Sony´ - aber nur noch für ein Album. Und es ist einfach toll, darüber nachzugrübeln, was wohl als nächstes passieren könnte. Ich weiß es nämlich nicht, aber es wird auf jeden Fall eine faustdicke Überraschung."
Auch hier heißt das Zauberwort ´Internet´. Und davon erhofft sich Vedder für die Zukunft völlige künstlerische Freiheit - sofern diese existiert. "Es dreht sich alles um Spiritualität und Verständnis. Die Frage, was wir eigentlich auf diesem blöden Planeten machen, kann dir keiner beantworten. Aber wenn du das Leben als eine Reise verstehst, dann entdeckst du alles, was irgendwie wichtig ist. Eben, daß es nichts Schöneres gibt, als saubere Luft zu atmen. Das nichts lustiger ist, als auszugehen, zu tanzen und in aller Öffentlichkeit Bier zu trinken. Das ist es doch, wonach wir uns alle sehnen. Und diesen Zustand muß man voll ausleben und bis zum Letzten genießen. Denn die meisten Freiheiten, die wir haben, wissen wir doch gar nicht zu schätzen. Und das gilt auch fürs Musikgeschäft. Es gibt so viele Mittel und Tricks, seinen Dickkopf durchzusetzen, daß dir niemand etwas kann, so lange du nur fest genug an dich glaubst."
Eine Vorstellung, die bei Vedders Label denn auch genau so viel Unbehagen auslöst wie sein Gleichmut in Sachen Raubkopien und Bootlegs. Denn was illegale Konzertmitschnitte - als CD, Vinyl oder MP3s - angeht, da haben Pearl Jam sogar schon die Oberhippies Grateful Dead überholt. Und das, so Vedder schelmisch, durchaus bewußt. "Ich habe die Dead immer für ihre Loyalität gegenüber den Bootleggern bewundert und fand es toll, daß sie ihnen spezielle Plätze, nämlich die besten, zum Aufnehmen zugewiesen haben. Obwohl wir Bootlegs tolerieren und auch gut finden, wird es bei uns aber nicht so weit kommen. Ganz einfach, weil das zuviel Verwaltungsaufwand ist. Was wir aber in naher Zukunft in Angriff nehmen werden, ist, uns die Möglichkeit des Internets zu Nutze zu machen. Sobald das etwas ausgereifter ist, werden wir unsere eigenen Bootlegs im Netz anbieten. Das sind dann Mischpult-Aufnahmen von wirklich guter Qualität, die sich für 5 bis 10 Dollar runterladen lassen. Und hoffentlich dämmt das dann auch diese völlig überteuerten Bootleg-Preise von bis zu 50 Dollar ein. Also, die finde ich einfach nur ganz unverschämt. Ich meine, nur weil das Artwork ganz okay ist, rechtfertigt das doch nicht einen solchen Preis." Daß diese teueren Sammlerstücke natürlich keine existentielle Bedrohung für die Band darstellen, gibt Vedder gerne zu. Und solange ´Sony´ die immense Nachfrage mit eher halbherzigen Live-Cds wie der ´97er, On Two Legs´ zu stillen versucht, wird sich an dem immensen Angebot nichts ändern. "Ich hatte noch nie ein Problem damit. Im Gegenteil - als 17jähriger habe ich sogar selbst gebootlegt und hatte ein riesiges Archiv. Ich fand es toll, mit meinem Kassettenrecorder auf Konzerte zu gehen und die heimlich mitzuschneiden. Vor allem, weil du immer darauf achten mußtest, nicht erwischt zu werden, die Kassetten nicht mitten im Song zu wechseln und immer frische Batterien zur Hand zu haben. Mir hat das einen unglaublichen Kick gegeben. Und wäre ich nicht in dieser Band gelandet, würde ich das wahrscheinlich noch immer tun", sprichts und interessiert sich für die technischen Daten meines DAT-Rekorders. "Eine interessante Maschine - und so klein..."

Text: Marcel Anders
erschienen im Zillo-Magazin Juni 2000
abgeschrieben durch Michael Vogel
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