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Tiefsinnige Talkshows

Die vierte Auflage des scheinbar ewigen Duells zwischen Pearl Jam und dem Rest der Musikwelt wird durch das neue Album "No Code" eingeläutet. Mit der vorab ausgekoppelten Single "Who You Are" deutete sich bereits an, daß musikalisch nicht mit einem potentiellen "Vitalogy"-Nachfolger zu rechnen ist.

Die Meinungen über das Schaffen des Top-Acts könnten konträrer nicht sein, gilt das Quintett doch einerseits als die langweiligste und kummervollste Band schlechthin, andererseits jedoch als Innovationswunder gitarrenträchtiger Rockmusik. Daß Stone Gossard, Jeff Ament, Mike McCready, Jack Irons und Eddie Vedder der Welt schon seit ihrer ersten Veröffentlichung "Ten" nichts mehr auf Gedeih und Verderb beweisen müssen und es mit jedem Album trotzdem tun, spricht jedoch eindeutig für die Männer aus Seattle. Die vierte Etappe auf dem Weg zur Bandlegende schien allerdings, was die Planungen im Vorfeld von "No Code" betrifft, eine ganz besonders Schwierige zu sein. Lag es an den separaten Projekten, die die Herren in ihrer Freizeit unternahmen? Stone fühlt sich in seinen Litho-Studios recht wohl und pflegt sein Loosegroove-Label, Jeff hat in Robbie Rob einen neuen Freund gefunden, mit dem er Three Fish teilt, Eddie genießt seinen Nachhilfeunterricht bei Sangeswunder Nusrat Fateh Ali Khan, Mike gibt sich Mad Season, Seattles musikalischer Eliteauswahl, hin und Jack unterstützt seinen alten Kumpel Alain Johannes bei Eleven, Irons Ex-Band. All diese Alleingänge, die meist dem künstlerischen Wohl der Musiker dienen, führen schließlich zu einer geradezu ungeheuren Vermutung: Pearl Jam ist nicht mehr als die ökonomische Basis für die Eskapaden der Burschen. Woraus folgt, daß es sich bei dieser Band nur noch um ein Vehikel zum maximalen Gelderwerb handelt. Doch um dieser Unterstellung schnell Vorschub zu leisten, sprachen sich die Fünf bereits vor den Aufnahmen zu "No Code" aus. Jeff Ament galt dabei als das gute Gewissen Pearl Jams: "Natürlich ging uns genau das durch den Kopf. Wir fragten uns, ob es noch Zweck hat, mit Pearl Jam weiterzumachen. Auch nachdem wir uns von Dave getrennt hatten, machten wir eine solche Krise durch, in der wir lange diskutierten. Besonders Stone, Mike und ich suchten nach dem wahren Grund für unser Miteinander. Es sollte auf keinen Fall so ausufern, daß Pearl Jam nur noch aus einem Motiv besteht, nämlich unsere Mieten zu bezahlen. Wir kamen zu dem Schluß, daß wir zusammen weiterhin Musik machen wollen, daß wir und die gesamte Band weiter wachsen sollen. Inzwischen hat sich Jack zu einem wertvollen Mitglied für uns entwickelt, denn er hat eine Balance zwischen den Kaliforniern und uns geschaffen. Stone, Mike und ich haben schließlich diesen Seattle-Background, Eddie war dagegen anfangs völlig unbekannt und etwas isoliert. Gemeinsam mit Jack bildet er heute jedoch ein Gegengewicht. Mit dieser Perspektive sind wir wahrscheinlich in der Lage, für eine sehr lange Zeit im Geschäft zu bleiben. Inzwischen sind wir auch sensibler geworden, das heißt, daß wir recht schnell merken, wann wir überbeansprucht sind, wann wir für eine gewisse Zeit auseinandergehen müssen. Wir scheuen uns dann auch nicht mehr, eine Tour etwas kürzer zu planen."
Doch nicht nur interne Schwierigkeiten machten der Gruppe zu schaffen, auch der äußere Druck hinterließ seine Spuren bei den Musikern: "Du mußt heutzutage viel Druck, besonders durch das enorme Medieninteresse aushalten. Das ist mit den sechziger oder siebziger Jahren überhaupt nicht zu vergleichen. Die Anspannung ist gewaltig, dazu kommen die langen Tourneen, wobei sich mancher völlig verausgabt und es dadurch auch zu Drogenproblemen kommt. Es gibt Menschen, die sich in dieser Welt einfach verlieren, die es nicht schaffen, sich aus ihr zurückzuziehen, um sich psychisch und physisch zu regenerieren. Dann passieren meist schlimme Dinge. Wir bemerken diese Anzeichen jedoch recht schnell und versuchen, uns gegenseitig zu helfen, indem wir miteinander sprechen oder auch vorschlagen, einen Gang zurückzuschalten und für eine gewisse Zeit einen völlig anderen Lebensweg einzuschlagen, bevor wir uns dann wieder zusammenfinden und uns sicher sind, daß wir weitermachen können. Solange wie wir uns gegenseitig zuhören, können wir auch gemeinsam arbeiten. Natürlich gehören Tourneen und andere anstrengende Dinge zu unserer Karriere, doch Musik erst einmal zu schaffen, sollte das Wichtigste bleiben, denke ich."
Es taucht stellenweise das Gefühl auf, als hätten Pearl Jam bereits etwas Angst vor der bevorstehenden Tournee, als beschleiche sie eine gewisse Vorahnung, die aus der Zusammenarbeit an "No Code" stammt. An den Songs läßt sich dieses jedoch nur bedingt vernehmen. Das Album bezieht seine Klasse vor allem durch die Mischung bekannter Strukturen der Alben "VS" ("In My Tree"), "Vitalogy" ("Hail, Hail") und dem als Neil Young`s Background-Band eingespielten "Mirrorball" ("Smile"). Zudem gesellt sich ein nicht gerade geringer Teil an schwermütigen und soften Songs, wie etwa "Who You Are" oder "Off He Goes", die mancher Springsteen-Komposition ähneln: "Jetzt, so kurz nach den Aufnahmen, denke ich, daß es ein sehr gutes Album geworden ist. Ich höre das Tape täglich in meinem Auto. Einige Freunde, die es ebenfalls zu hören bekamen, meinten, daß wir es mit "No Code" endlich geschafft hätten, als eine wirklich bedeutende Rockband akzeptiert zu werden. Alles, was wir bis jetzt gemacht haben, war irgendwie durcheinander. Es fehlte uns das Gefühl, daß wir diesen Erfolg überhaupt verdient haben. Wir hatten eine gute Zeit im Studio, denn jeder von uns hatte vorher die Gelegenheit, sich zurückzuziehen und seinen eigenen Vorlieben nachzugehen. Wir haben uns lediglich zusammengesetzt, um gemeinsam Musik zu machen ohne all diese reaktionären Dinge, dafür hatten wir genügend Raum für Kommunikation untereinander. Wir waren ja schon oft gemeinsam im Studio, doch niemals hatte ich das Gefühl, daß es so einfach ist, eine Platte zu machen. Die Atmosphäre war einfach natürlicher, wir scheinen alle gewachsen zu sein, als Musiker und auch als Menschen. Ich wurde zuletzt oft gefragt, wie sich das neue Album anhört und meine Antwort war bisher immer, daß dies wahrscheinlich das natürlichste Pearl Jam-Album sei, ohne diesen ganzen Krampf der vergangenen Scheiben. Es ist schon faszinierend , wie jeder aus sich herausgeht und seine Persönlichkeit zeigt."
Auch darüber gehen die Meinungen auseinander. Von `schlechtester und zugleich langatmigster Scheibe überhaupt` bis zu der von Jeff vertretenen Auffassung, endlich ein ernsthaftes und erwachsenes Album geschaffen zu haben, werden die Standpunkte über "No Code" verteilt sein. Doch gerade der Umstand, daß über ein einziges Album hitzig und kontrovers diskutiert werden kann, macht den Status einer Top-Band wie Pearl Jam wahrscheinlich aus. Und mit den bescheidenen Worten eines bekannten Talkmasters läßt sich trefflicher nicht schließen: "Gut, daß wir drüber geredet haben!"

erschienen im Vision Magazin Ende 98 (?)
Volker Banasiak
thx an Tremor Christ!