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Pearl Jam [sommerschlußverkauf des grunge]

Eddie Vedder raucht Zigaretten der Marke "American Spirit". Der Umwelt zuliebe: keine anderen Gifte als die unbedingt nötigen. Das ist gut, das ist korrekt. Seine Band - wenn wir uns alle mal rasch erinnern mögen: Pearl Jam - will ebenso auch nur das Gute. Aus dem Album "Binaural" wird dieser Tage die Single "Nothing As It Seems" ausgekoppelt werden. Fünf lange Minuten durchschreitet der Song gemessenen Midtempo-Schrittes. Value for money. Die amerikanische Presse kriegt sich kaum noch ein: So wie der Boss seine Kapelle live drei Stunden zu knechten weiß, so spielen Pearl Jam die erste Single des Albums randvoll. Danke, Eddie, du bist so ehrlich zu uns, die du als deine Freunde angenommen hast. Findet Eddie selbst natürlich auch: "Wir respektieren unser Publikum. Das wollen wir doch alle, wenn wir Publikum sind, sei es als Theatergänger oder Kinobesucher. Ich fühle mich beleidigt, wenn ich inmitten eines Publikums nicht respektiert werde." Die Sorgen des kleinen Mannes auf der Straße, und Eddie hat sie trotz des einstigen Erfolgs nicht vergessen. Und uns hat er auch nicht vergessen. Für seine ihn vergötternden Fans (Pearl Jam gehören nicht zufällig zu den meist gebootlegten Bands der Welt) haben er und seine Mitstreiter lange und leider erfolglos gegen den Konzertmonopolisten Ticket Master gekämpft - immerhin haben sie so für das Thema sensibilisiert. Jeff Ament: "Ich denke, wir haben die Leute darüber informiert, wohin ihr Geld geht. Das war ja eins der Hauptanliegen des Kampfes. Bislang stand auf den Tickets nicht, wieviel Gebühr sie erheben - jetzt müssen sie es transparent machen."

Der geneigte Leser merkt es, so richtig viel Neues gibt es über Pearl Jam nicht zu berichten. Das Feld ist ausdefiniert. Deshalb gilt es kurz, Vergangenes zu rekonstruieren: Grunge, der in irgendeiner grauen Vorzeit neue Trend aus Amerika, hatte Pearl Jam ins allgemeine Bewußtsein hochgespült - und dazu noch Tausende weitere Bands, die, nun ja, ähnlich zu klingen geruhten. Pearl Jam waren von der Seattle-Mischpoke so ziemlich die einzigen, die mit ihrem Instrumentarium nicht vollständig auf Kriegsfuß standen, dafür aber zum Ausgleich mit der amerikanischen Gesellschaft. Das war dann eine Weile très chic, ehe Vedder sich an Neil Young klettete, um schon mit knapp über Dreißig dem ehrwürdigen Dinosaurierclub des Rock beitreten zu dürfen. Lethargische Lala auf den Platten "No Code" (1996) und "Yield" (1998) führte dann konsequenterweise dazu, daß die Grunge-Pioniere in die Liste bedrohter Arten aufgenommen wurden. "Binaural" soll also so etwas wie ein Comeback werden. Aus diesem Anlaß haben Pearl Jam den Popsupermarkt leergekauft und sich bei anderen "old schoolern" bedient: die Doors und Pink Floyd lassen grüßen. Und einen neuen Produzenten gab es noch gleich obendrauf. Bezahlt haben Pearl Jam mit einem Album, das so wertig insgesamt nicht ist. Was soll man auch schon von einer Platte erwarten, die nach einer Stereo-Aufnahmetechnik benannt ist? Keine Frage: der Sound ist brillant, die Arrangements sind professionell zusammengestoppelt, und mit Matt Cameron (ehemals Soundgarden) hat man keinen schlechten Ersatzdrummer eingekauft. Und doch lassen einen die Songs etwas ratlos zurück. Die nötige Neudefinition dessen, was Grunge einmal gewesen sein mag, gehen Pearl Jam nicht mit der nötigen Stringenz an. Schön, wenn man sich frank und frei bei popgeschichtlichen Errungenschaften bedient. Ein solches Unterfangen überzeugt doch aber nur dann, wenn unterschiedliche Einflüsse so dienstbar gemacht werden, daß sie das eigene Profil stärker konturieren.
Nicht daß Pearl Jams "Binaural" plötzlich eklektisch ausgefallen wäre. Bewahre! "Binaural" ist einfach nur wenig catchy, lendenlahm und läßt offen, was zur Hölle es eigentlich will. Vedder jedenfalls will Stimmung: "There's a lot of mood. I think the recording and Tchad's recording of the instruments helped the mood. Every piece has a nice mood to it." Das mag zwar stimmen, eine jeweils nice mood hilft bei einer ausgesprochenen "Album-Band" allerdings nur bedingt weiter. Und so mäandert "Binaural" mal hierhin, mal dorthin. Vielleicht hat aber doch die amerikanische Presse recht, wenn sie all meine Bedenken mit ganz erstaunlichen Begründungen wegdrückt: Pearl Jam sind eine reife, erwachsene Band. Kinderkram wie gute, kompakte, konkrete Rocksongs haben sie nicht mehr nötig. Wenn man "Binaural" nur lange genug per Kopfhörer lauscht, wird man es zu schätzen wissen. Vielleicht erschließt sich dann auch der Vorteil der ausgeklügelten Aufnahmetechnik.

Boris Fust, INTRO #75 von Juni 2000