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Zehn Jahre nach Grunge sind PEARL JAM die einzige große Seattle-Band, die überlebt hat - und immer noch nach eigenen Regeln spielt. Die Kommerzialisierung ihrer Musik ist ihnen dabei der größte Dorn im Auge.

Kaum eine Band litt mehr an ihrem Erfolg als Pearl Jam. Lange zeit fühlte sich Eddie vedder, als müsse er immer mit eingezogenem Kopf durch die gegend gehen, dann zog er sich einfach von der Welt zurück. Inzwischen drehen die fünf aus Seattle sogar wieder Videos - und zeigen mit ihrem neuen Album "Riot Act", das es durchaus möglich ist, als ehemalige Grunge - band in Würde älter zu werden. Im Interview spricht Eddie Vedder über Kommerz und Politik, Liebe und Heroin - und kommt immer wieder auf das Thema das so schwer auf ihm lastet: Roskilde.

Das Jahr 2002 nähert sich dem Ende. Die Blütezeit der Seattle-Szene, des "Grunge", wie Schriftsteller Everett True sie nannte, liegt ein Jahrzehnt hinter uns. Eine Ära, die oft übertrieben hochgejubelt wurde, aber auch eine Vielzahl sensationell guter Rockbands hervorgebracht hat. Soundgarden, Alice In Chains, Nirvana, Screaming Trees - die Liste ist lang und umfasst große wie auch weniger bekannte Namen, viele ausgezeichnete Alben und denkwürdige Konzerte.
Selbstmorde, Heroin-Überdosen, bittere Auseinandersetzungen und Trennungen haben dieses Kapitel der Rockgeschichte frühzeitig beendet. Doch wie bei jedem guten Märchen gibt es immer die Ausnahme von der Regel, den einen Helden, der entgegen aller Wahrscheinlichkeit überlebt. In der Geschichte des Grunge ist das Pearl Jam, die Band, die von Eddie Vedder angeführt wird - Gitarrist, Sänger und Prototyp des Rockstars mit Gewissen.

In diesem Interview, das auf einem Balkon im 16. Stock des "New York Soho Grand Hotel" stattfand, spricht Vedder über die Gründe für das Überleben von Pearl Jam, die tragischen Ereignisse, die ihr Konzert beim Roskilde-Festival 2000 überschatteten, die Kehrseiten des Ruhms, das neue Album,,Riot Act", Integrität, soziales und politisches Engagement, die Entwicklung seiner Band in den vergangenen zehn Jahren und den privaten Eddie Vedder, der so ganz anders ist als der, den die Öffentlichkeit kennt.

Gestern habe ich zum ersten Mal euer neues Album gehört, wobei ein einziger Durchlauf sicher nicht ausreicht, um alle Nuancen zu erfassen. Dafür kennst du es in- und auswendig. Was bedeutet dir ,,RiotAct'?

Es reflektiert einiges von dem, was in der Welt und mit uns passiert ist. Wenn man die Chance hat, ein gutes Album zu machen, mit tollen Musikern zusammen zu spielen, sollte man die nutzen, oder? Was hat es für einen Sinn, etwas Durchschnittliches zu produzieren oder sich nicht voll reinzuhängen? Als Songwriter möchte man alles in so ein Album reinstecken, das Gehirn von all den Ideen, Theorien und Philosophien leeren, mit denen man sich im Laufe der Zeit beschäftigt hat.
Das ist, als ob man Gäste aus einem Hotel rausschmeißt, ein Zimmer nach dem anderen leermacht. Der große Hausputz. Es ist gut all diese Gedanken loszuwerden, sie in die Welt zu schicken und sich selbst zu überlassen.

In den Texten scheint es vor allem um Liebe zu gehen, all die schmerzhaften und komplexen Aspekte, die damit verbunden sind...

Klar, zuerst kommt die Liebe, und dann kommt der Schmerz. Irgendwie drehen wir uns alle wie die Kreisel, doch wer setzt uns in Bewegung? Die Hand Gottes oder etwas anderes? Vielleicht ist es Liebe oder der Versuch, uns für Liebe zu entschädigen, die wir nie bekommen haben. Oder einer idealen Liebe nachzujagen. Du kannst die perfekte Beziehung haben und trotzdem denken: "Ist das alles? Gibt es da draußen vielleicht noch mehr?" Wenn es dir zu gut geht, dreht sich der Kreisel umso wilder. Deshalb wird so viel über Liebe geschrieben.

Ihr habt gerade ein Video zur neuen Single "I Am Mine" gedreht. Früher biss man bei euch fast immer auf Granit, wenn es um Interviews oder Videos ging - die Musik soll für sich selbst sprechen, hieß es. Seid ihr heute anderer Meinung?

Nein, eigentlich nicht. Was das Video betrifft, da haben wir einfach einen ganz gemütlichen Gig in einem kleinen Club in Seattle gespielt, und der wurde eben gefilmt. Was damit passieren wird weiß ich nicht, es ist mehr eine Art Dokument. Ich glaube nicht, dass daraus ein offizielles Video wird.

Integrität ist euch ja grundsätzlich immer sehr wichtig gewesen, und in den letzten Jahren habt ihr den ganzen Promo - Zirkus einfach links liegen gelassen. Jetzt aber scheint ihr euch ein wenig zu öffnen. Liegt das daran, dass der Druck nachlässt, oder nehmt ihr das Ganze einfach nicht mehr so ernst?

Na, ich denke nicht, dass wir die Tür allzu weit aufgemacht haben. Aber wir sind stolz auf die letzten beiden Alben, und deshalb ist es wohl in Ordnung, die Tür kurz aufzumachen, die Welt einen Augenblick reinschauen zu lassen und dann wieder abzuschließen. Nur damit die Leute wissen, dass es etwas Neues gibt. Damit haben wir kein Problem.
Außerhalb Amerikas ist es sicher nicht anders - es gibt so viel Output, wir werden bombardiert mit Werbung für neue Produkte. Musik, Mode, Drinks - man versucht ständig, den Leuten irgendwelchen Scheiß in den Rachen zu stopfen. Daran wollen wir ganz bestimmt nicht teilhaben, im Gegenteil, wir sind ganz klar für weniger Kommerz.
Unser Album kommt in den USA am 22. November raus, und am 29. rufen in Europa diverse Bewegungen zu einem Kaufboykott auf. Das soll ein Tag sein, an dem die Leute ganz bewusst mal nichts konsumieren. Es wäre schön, wenn an diesem Tag niemand unsere Platte kaufen würde. Und wer sie kopieren möchte, soll das ruhig tun. Uns kommt es vor allem darauf an, dass die Musik gehört wird. Das heißt nicht, dass es eine zweijährige Welttournee geben wird oder so was. Dazu bräuchten wir ja wieder Sponsoren, das wollen wir nicht. Wir halten das alles in bescheidenem Rahmen, damit wir keine Kompromisse eingehen müssen, sondern uns auf eine Weise präsentieren können, die für uns akzeptabel ist.

Das letzte Mal trafen wir uns unmittelbar vor dem Konzert in Roskilde, bei dem neun Menschen umgekommen sind. Ich hatte damals das Glück, einen Stage-Pass zu bekommen, stand also mit auf der Bühne, und als ich nach Hause kam, war mein Anrufbeantworter voll mit Nachrichten von Leuten, die wissen wollten....

....ob es dir gut geht.

Ja. Möchtest du etwas dazu sagen, oder sollen wir das noch aufschieben?

Es ist merkwürdig, ich habe darüber in den letzten zwei Wochen in fast jedem Interview gesprochen, aber die Tatsache, dass du das so direkt miterlebt hast, bringt einiges von dem Trauma zurück. Den anderen Journalisten musste ich die Sache erklären... (Mit Tränen in den Augen) Vielleicht können wir später noch darüber reden? ) Das ist jetzt ein bisschen viel.

Okay. Du hast immer eine enorme kreative Energie gehabt. Was ist ausschlaggebend dafür - die Liebe zur Musik oder der Wunsch, die Welt zu verändern? Oder ist es eine Mischung aus beidem?

Vor allem liebe ich meine Arbeit. Ich würde das immer machen, egal wie. Bevor es mit der Band losging, habe ich zehn Jahre lang normale Jobs gehabt, 48 Stunden pro Woche, aber das Geld, das ich dabei verdiente, habe ich immer nur für Musik ausgegeben, für Aufnahmegeräte, Lautsprecher und solche Sachen. Ich würde Musik auch dann machen, wenn niemand sie hören würde. Ein paar Jahre lang war ich ja nicht mal in einer Band.
Für uns zählt nur die Musik, nicht das ganze Drumherum, die Videos, die Fotos. Das wollen wir nicht, und zwar nicht in erster Linie, weil es uns um Respekt und Integrität geht, sondern weil wir uns das Gefühl fürs Musikmachen erhalten wollen, fürs Wesentliche. Und das beinhaltet, alles zu ignorieren, was nur am Rande mit der Musik zu tun hat. Platten zu machen und Konzerte zu geben ist das einzig Wichtige, sonst nichts.
Wenn wir ab und zu die Tür einen Spalt breit aufmachen, dann nur, um die Band am Leben zu erhalten. Das scheint zu funktionieren, aber nur, weil wir das Glück hatten, am Anfang von sehr vielen Leuten gehört zu werden. Die erste Platte fiel genau in die Zeit, in der alle Welt auf Seattle schaute. Danach haben wir uns dann mehr oder weniger bewusst von einem Teil des Publikums verabschiedet, aber der harte Kern ist geblieben.

Und der andere Aspekt - das Engagement, der Wille, Dinge zu verändern?

Das spielt sich eher hinter den Kulissen ab. Vieles von dem, was wir machen, geht gar nicht groß an die Öffentlichkeit, zum Beispiel konkrete Hilfe in Einzellfällen oder das Engagement gegen die Todesstrafe.
Am meisten nach außen gedrungen ist wohl meine Unterstützung für Ralph Nader bei den Präsidentschaftswahlen 2000. Ich unterstütze ihn immer noch. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass er zu den wenigen ehrlichen Menschen in Amerika gehört, aber er ist sicher einer der wenigen, die es wagen die Probleme anzusprechen, die andere Politiker unter den Teppich kehren, weil sie von der Industrie abhängig sind. Bush und Gore wurden während des Wahlkampfs teilweise sogar von denselben Konzernen unterstützt, und alles, was deren Interessen entgegenläuft, wurde natürlich nicht diskutiert. Nur Ralph konnte offen darüber sprechen, weil er unabhängig ist und keine Spenden aus dieser Ecke bekommt. Uns ging es darum, dass er an den Fernsehdebatten teilnehmen kann, damit die anderen Kandidaten gezwungen sind, zu seinen Fragen Stellung zu nehmen. Und wir hoffen immer noch, dass wir das eines Tages erreichen werden.

Würdest du sagen, dass es heute besser ist, bei Pearl Jam zu sein, als vor zehn Jahren?

Na ja, ohne jetzt in Gejammer zu verfallen, aber das war das schon eine harte Zeit damals. Wir waren auf einmal mit etwas konfrontiert, mit dem es sich nur schlecht leben lässt So viele Leute um uns herum, du hattest das Gefühl, ständig mit eingezogenem Kopf herumlaufen zu müssen, was bedeutet, dass man immer nur zwei Schritte voraussehen kann und den Überblick verliert. Jetzt, da die Massen sich etwas verflüchtigt haben (lacht), können wir den Kopf wieder ausstrecken und sehen den Weg klarer vor uns. Zwei Jahre lang haben wir uns mehr oder weniger blind durchlaviert. Das macht keinen Spaß. Du hast endlich Erfolg, und dann merkst du, dass du keine Freude daran hast. Es ist viel Gutes dabei herausgekommen, aber es dauerte eine Weile, bis wir aus dieser Phase wieder raus waren.

Kommst du heute mit dem Im-Rampenlicht-Stehen besser zurecht als damals?

Ja, weil ich gelernt habe, vorübergehend einfach zu verschwinden. Meistens ziehe ich mich an irgendeinen Ort zurück, den keiner kennt und wo sich niemand für mich interessiert. Da habe ich mittlerweile ganz gute Methoden - die Welt ist schließlich nicht so klein, und mitten im Ozean oder auf irgendeiner gottverlassenen Insel läufst du wenig Gefahr, dass dich jemand erkennt. Natürlich habe ich das Glück, das ich mir das leisten kann, einfach loszuziehen in die Natur. Einem Sieben-Meter-Wal ist es schnuppe, wer ich bin. Das rückt die Dinge ins richtige Lot.
So fülle ich meine Energiespeicher immer wieder auf.

Warum haben Pearl Jam im Gegensatz zu so vielen anderen großen Bands der Seattle-Szene überlebt?

Tja, eigentlich hatten wir alle dieselben Chancen, nicht? Vielleicht liegt es daran, dass mir nie jemand Heroin angeboten hat. Dafür kann ich wirklich dankbar sein. Ein anderer Grund ist sicher, dass wir alle einfach gerne in dieser Band sind. Sie definiert uns nicht als Personen, aber sie ist ein Ort, an dem wir uns gerne aufhalten.
Mittlerweile schreiben wir alle Songs für die Band, und die anderen haben auch Projekte außerhalb von Pearl Jam. Matts Band heißt Wellwater Conspiracy, sie haben drei oder vier Platten gemacht und sind verdammt gut. Steve und Jeff haben auch ihre eigenen Bands. Wir kommen zusammen, werfen unsere Songs in den Topf, schauen was dabei herauskommt, nehmen eine Platte auf, spielen Konzerte. Doch gleichzeitig führt jeder sein eigenes Leben. Das ist wichtig, du darfst dich von deiner Band nicht vereinnahmen lassen.

Den meisten Leuten fallen zu Eddie Vedder wahrscheinlich düstere Texte und eine ziemlich pessimistische Weltsicht ein. Ich habe dich damals, 1996, auf einer Tour begleitet und einen ganz anderen Typen kennengelernt, einen, der witzig war und viel gelacht hat. Gibt es einen großen Unterschied zwischen dem öffentlichen und dem privaten Eddie Vedder?

Unter Freunden lasse ich mich wahrscheinlich mehr gehen. Weißt du, es ist gar nicht schlecht, so einen Ruf zu haben, weil du mehr in Ruhe gelassen wirst. Da habe ich schwer dran gearbeitet! Für alle Gefühle gibt es eine richtige Zeit und einen richtigen Ort. Eine Möglichkeit zu haben, all das loszuwerden, was an Düsterem zwischen Augen und Ohren herumgeistert, ist der Gesundheit ungeheuer förderlich. Besonders, wenn es in Kunst umgesetzt wird. Ich kann nur jedem empfehlen zu malen, zu schreiben, irgendwas Kreatives zu machen. Das ist definitiv gut für die Psyche.
Natürlich kannst du dein Geld auch einem Psychiater in den Rachen werfen, aber überleg mal, was eine Therapiestunde kostet - dafür kriegst du zehn Leinwände, zwölf Töpfe Farben und fünf Pinsel, das reicht für ein Jahr. Und dann hast du etwas, das du an die Wand hängen und anderen Menschen zeigen kannst, die dich dadurch vielleicht besser kennen lernen. Klar, man kann sich abends auch über ein paar Drinks mit Anderen austauschen, das ist auch nicht schlecht, aber trotzdem, ein Bild an der Wand, mag es auch noch so düster sein, kann etwas ausdrücken, das mit Worten nicht möglich ist. Es ist einfach gesund und hilft mir wahrscheinlich im Alltag ein glücklicherer Mensch zu sein.

Bist du denn heute ein glücklicherer Mensch?

In den letzten zwei Jahren, sogar noch vor Roskilde, gab es einige Dinge in meinem Leben, die wirklich problematisch waren und die ich so nicht haben wollte. Ich meine, ich hatte das Gefühl, mich eigentlich ganz positiv gegenüber der Welt zu verhalten. Das klingt vielleicht arrogant, aber ich dachte, ich hätte ein ganz gutes Karma. Und wenn dann auf einmal solche Probleme vor einem auftauchen, empfindet man das als ungerecht. Eine Zeit lang wollte ich es nicht wahrhaben, aber letztlich bleibt dir nichts anderes übrig, als dich der Herausforderung zu stellen.
Wie gesagt, es ging schon vor Roskilde los. Und dann kam dieser Abend. 45 Minuten bevor wir auf die Bühne gingen, kam ein Anruf aus Seattle, dass Chris Cornell's Frau eine Tochter bekommen hätte. Ich habe mich so für ihn gefreut, ich musste sogar raus und ein paar Tränen vergießen. Chris ist einer meiner besten Freunde, und sie hatten schon ziemlich lange darauf gewartet. Ich hatte sogar vor, etwas auf der Bühne darüber sagen, natürlich ohne Namen, aber ich wollte, dass dieses neue Leben irgendwie festgehalten wird, und wenn auch nur auf Band. Damit ich es ihm vorspielen konnte, damit er wusste, dass wir an ihn gedacht haben.
Und dann, anderthalb Stunden später, ging vor unseren Augen Leben verloren. Weißt du, ich möchte nicht, dass irgendetwas darüber geschrieben wird, ohne vorher zu sagen, dass das, was wir durchgemacht haben, nichts ist im Vergleich zu dem, was die Angehörigen und Freunde dieser Menschen, deren Leben dort zu Ende ging, erlitten haben. Wir haben getrauert, wir mussten es verarbeiten und irgendwie in unser Leben integrieren, aber das ist nichts verglichen mit ihrem Leid.
Da war ein Junge aus Australien, er hieß Anthony Hurley, dessen Freund mich fragte, ob ich nicht etwas für die Trauerfeier schreiben könne. Seine Familie war die einzige, die ich richtig kennen gelernt habe. Wir haben seine Schwestern nach Seattle eingeladen, einige seiner Freunde kamen mit, und wir schauten uns Bilder an, sprachen über ihn. Das hat wirklich geholfen. Es hat geholfen, etwas zu verarbeiten, das völlig unbegreiflich schien. Ich erwähne das, weil ich auch den anderen anbieten möchte, mit uns in Kontakt zutreten, wenn sie das möchten. Wir würden uns wirklich freuen.

Ich habe viel darüber nachgedacht, dass du eigentlich Leben gerettet hast, denn ich stand damals direkt neben Mike McCready und hörte, wie Jeff mit "Alive" einsetzen wollte. Zumindest kam es mir so vor. Und wenn du eingestiegen wärst, dann hätten viellleicht noch weitere zehn Minuten vergehen können. Aber du hast dann unterbrochen...

Weißt du, es ist furchtbar schwer, sich keine Vorwürfe zu machen, selbst für Dinge, die wir nicht beeinflussen konnten. Es hatte auch mit dem Bühnenaufbau zu tun. Es gab da zwei Ebenen, so dass die Leute, die ganz vorne standen, ziemlich weit oben waren, man konnte schlecht über sie hinwegschauen. Wenn du dir die Tapes von den vorhergehenden Konzerten in Europa anhörst, gab es eine ganze Menge, bei denen die Show unterbrochen wurde. Vielleicht 20-mal bei 30 Konzerten. Das war vorher nie ein Problem. In Roskilde lief so vieles schief. Es war einfach nicht unsere Show, es waren nicht unsere Sicherheitsleute, die normalerweise kein Problem haben, mir Zeichen zugeben. Ich denke, dass einige Leute sicher mitgekriegt haben, dass etwas passiert, und vielleicht dachten sie, sie könnten oder dürften das Konzert nicht unterbrechen. Das ist ja auch fast verständlich, schließlich standen da 50000 Leute, und sie wussten nicht, wie soll das jetzt weitergehen, aber es wäre überhaupt kein Problem gewesen, wir machen das dauernd, und wenn ich nur etwas gesehen hätte...

Ich stand an der Seite der Bühne, bin ein paar Mal nach vorne gegangen, aber ich konnte auch nichts sehen. Das Wetter war so schlecht...

..und die Scheinwerfer blendeten uns.

Ich dachte, du hättest aufgehört zu spielen, weil Wasser in die PA. lief. Ich dachte, es hätte technische Gründe.

Ich wünschte, das wäre der Grund gewesen. Irgendein anderer Grund. Ich wünschte, wir hätten es verhindern können. Als uns klar wurde, was los war, war das wie der schrecklichste Albtraum. Am 11. September, dem Tag der Anschläge, konnte ich mir vorstellen, wie es ist, in New York zu sein oder ein Familienmitglied in diesem Gebäude zu haben. Es gab da durchaus Parallelen für uns und sicher auch für Dänemark.
Weißt du, man schafft da eine Situation, in der all diese Menschen tun können, was sie wollen, essen, trinken, Musik hören, es herrscht dieses Gefühl von Gemeinschaft. Da muss man sehr vorsichtig sein. Du kannst es nicht den Leuten überlassen, auf sich aufzupassen. Du musst auf alles vorbereitet sein. Du lädst sie ein, sie zahlen Geld dafür, also bist du für ihre Sicherheit verantwortlich. Du musst dafür sorgen, dass sie sich gehen lassen können und trotzdem absolute Sicherheit gewährleistet ist. Vielleicht haben die das in Roskildejetzt gelernt.

>Die Sicherheitsvorkehrungen sind inzwischen auf jeden Fall sehr viel strenger geworden. Sie haben viel getan, es gibt jetzt Barrieren vor der Bühne und...

Vielleicht waren sie auch ein bisschen nachlässig, weil so lange nichts passiert war.

Euer Sicherheitsmann, der auch für Korn zuständig ist, hat mir gesagt, dass ihr im Frühjahr auch in Dänemark auftreten wollt. Stimmt das?

Da gibt es noch keine konkreten Pläne. Wir werden im November ein paar Benefizkonzerte in Seattle und Umgebung spielen, aber nach Europa werden wir diesmal vielleicht nicht kommen. Wir wollen aber schon Ende nächsten Jahres ein neues Album aufnehmen.
Viele Bands machen eine Platte und gehen dann zwei Jahre auf Tour, dann bekommt man sie nur alle zwei Jahre zu sehen. Wir bringen dagegen jedes Jahr ein Album raus - letztes Jahr war eine Ausnahme - und machen dann eine kleinere Tour, zum Beispiel in Japan, in Australien oder Amerika. Danach gibt's eine neue Platte, und dann ist Europa an der Reihe. Man sieht uns also nur alle zwei Jahre, aber dafür gibt es zwei Platten. Kompliziert, was? Es ist ein bisschen wie höhere Mathematik.
Eines steht jedenfalls fest: Wir werden nie wieder bei einem Festival spielen. Das geht einfach nicht mehr. Aber es gibt viele größere Hallen, so um die 10000 Plätze, die sicherheitstechnisch kein Problem darstellen. Das Roskilde-Trauma hängt uns immer noch nach. Deshalb müssen wir wohl noch ein bisschen mehr zur Ruhe kommen, bevor wir so etwas vielleicht wieder probieren, selbst in einem kleineren Rahmen.

Es gab ja etliche Leute, die meinten, dass es sie nicht wundern würde, wenn Pearl Jam nie wieder spielen würden - und dass sie für eine solche Entscheidung durchaus Verständnis hätten.

Natürlich haben wir darüber nachgedacht, und wenn das allein unser Konzert gewesen wäre, von uns organisiert, oder wenn ich etwas gesehen und nichts unternommen hätte- wenn man uns also in irgendeiner Form für die Katastrophe hätte verantwortlich machen können, dann würden wir auch ganz bestimmt nicht mehr auftreten.

Meinst du, man hätte das Festival abbrechen sollen, statt nach einer kurzen Trauerzeit einfach weiterzumachen?

Ja, das hätte der Respekt vor den Toten gefordert. Aber es ging wohl darum, noch ein bisschen mehr Bier auszuschenken.

Wie ging es nach diesem Tag mit euch weiter, was habt ihr dann gemacht?

Wir flogen zurück nach Amerika und wollten zumindest versuchen, die restlichen Konzerte zu spielen. Sonic Youth waren im Vorprogramm. Am ersten Abend fingen sie mit "Teenage Riot" an, einem meiner absoluten Lieblingssongs. Sie kamen auf die Bühne - und nach vier Minuten wusste ich wieder, worum es ging. Ich konnte für kurze Zeit aufhören, darüber nachzudenken, und mir wurde klar, das ist es, was zählt, das ist die Kraft dahinter, es wird alles wieder gut werden.
Was mir außerdem sehr geholfen hat, war ein Gespräch mit Pete Townshend am Tag danach. Er und Roger Daltrey waren sehr verständnisvoll, sie hatten ja Anfang der 80erJahre in Cincinatti etwas Ahnliches erlebt. Ich war völlig am Ende und sagte zu Pete, ich verstehe das nicht, gerade wir haben doch immer so viel Wert auf Sicherheit gelegt. Warum passiert das ausgerechnet bei uns? Er hat mir dann eine ganz andere Sicht der Dinge vermittelt. Er meinte, vielleicht ist es bei euch passiert, weil ihr damit umgehen konntet, weil ihr diese besondere Beziehung zu eurem Publikum habt, diesen gegenseitigen Respekt.
Damals dachte ich jedenfalls, wir würden niemals darüber hinweg kommen. Wahrscheinlich werden wir das auch nie, aber zumindest wird es mit der Zeit besser. Erst denkst du ständig darüber nach, dann alle fünf Minuten, später "nur" noch alle 15 Minuten. In den Tagen danach konnten wir nichts essen und über nichts anderes sprechen. Wenn mir jemand was von einer Platte oder einem Baseball-Spiel erzählte, dachte ich, was soll das, das hat doch überhaupt keine Bedeutung.
Als wir zurück in Seattle waren, haben wir die Band und die Crew, eine Art Notfall-Netzwerk eingerichtet, uns gegenseitig angerufen, weil wir mit niemand anderem richtig darüber reden konnten. Mit Freunden und der Familie ging das irgendwie nicht, und wir hatten das Gefühl, noch nicht loslassen zu können, uns ständig damit auseinandersetzen zu müssen. Das ging eine lange Zeit so - und dauert im Grunde immer noch an. Wir haben das auch musikalisch verarbeitet, in dem Song "Love Boat Captain". Wir werden diesen Song live spielen, jeden Abend. Um an die zu erinnern, die gestorben sind. Das ist das Mindeste, was wir tun können.

<small>Verfasser: Lasse Anderson
Zeitschrift: Rolling Stone, November 2002
thx to Carmen und Andrea</small>